Archive for November, 2009

Besuch von Väterchen Frost

Oder woran man heute Morgen erkennen konnte, dass der Sommer noch in weiter Ferne liegt:

1. Um 7.00 Uhr ist es durch den Schnee draußen schon so blendend hell, dass man nur mit Skibrille aus dem Fenster schauen kann.

2. Beim gewohnten Zeit-Aufholen tritt man voller Elan in die Schneeflocken durchwirbelte Eis-Luft hinaus und macht fast einen Spagat.

3. Mit einem stylischen Oma-Handbesen fegt man gefühlte 500 Mal über das Auto, um es von der Berührung Frau Holles zu befreien. Dabei lässt man den rechten Daumen.

4. Man kann das Lenkrad nur mit Handschuhen anfassen und würde gerne im Auto eine zweite Mütze anziehen.

5. Siedend heiß fällt einem ein und läuft gleichzeitig kalt den Rücken hinunter, dass man noch abgefahrene Sommerreifen drauf hat. Man fährt in Schrittgeschwindigkeit bis zur Autobahnauffahrt.

6. Während man im Stau steht, lauscht man Horrornachrichten wie „die kältesten Tage seit 1998 stehen bevor“ … „durch quergestellte LKWs ist Mörderstau“

7. Trotzdem man früher los gefahren ist, kommt man zu spät ins Büro und rennt vor lauter Schneetreiben erst mal an der Eingangstür vorbei.

Fazit: Morgen bleibe ich zu Hause. Da kann doch keiner was dagegen haben…

Entenparty mit Zombies

Es gibt doch eigentlich nichts Schöneres, als Samstags aufzuwachen mit der vergnüglichen Aussicht abends auf einer wilden Wohnheimsparty geladen zu sein, die sich über drei Etagen und den Garten erstrecken soll. So zumindest lautete das Versprechen meines Lieblingspärchens, Lady Xtown und Anhang, die mich zu diesem Zwecke gegen halb neun mit ihrer Ente aufzusammeln gedachten.

Am Arsch…!

Was jetzt folgt, liest sich wie das Drehbuch zu Final Destination 4 und ist nichts für schwache Gemüter. Sollten sie ihr Kind in just diesem Augenblick am Rechner beim Lesen dieses Artikels erwischen, greifen sie sich den nächstbesten stumpfen (wichtig, nicht spitz, hier liegt der Teufel im Detail!) Gegenstand und strecken sie es damit nieder. Eine Gehirnerschütterung ist nichts gegen die irreparablen Psycho-Schäden, die durch ein Weiterlesen verursacht werden könnten.

Ok, ganz so schlimm war es natürlich nicht und als Freund des Makabren finde ich ja bekanntlich immer etwas Amüsantes an überraschenden Wendungen, wenn sie sich auf der Katastrophen-Skala im noch akzeptablen Bereich bewegen.

Die erste „Wendung“ des Abends sollte uns gleich auf der Hinfahrt zur Party ereilen. Dass eine Ente unter einer Zuladung von 4 Personen und 2 Kästen Bier durchaus mit dem kompletten Unterboden auf der Strasse aufsetzen könnte, liegt rein theoretisch betrachtet im Bereich des Möglichen. Viel spassiger ist es natürlich sich erstmal in die Karre zu quetschen und dann auf halber Strecke zu realisieren, dass die lauten Schleifgeräusche nicht vom Tinitus oder aus dem Radio kommen, sondern von der Ermüdung des Materials künden…. Ohnehin schon eine Frechheit von der Karre nur auf der rechten Seite, wo „Karmataxi“ und ich saßen, mehr als empörte Laute von sich zu geben. Es hatte fast schon etwas Cartoon-artiges, als wir uns in Linkskurven auf die Lady und ihre bessere Hilfe warfen, um keinen Funkenregen auf der Strasse zu erzeugen.
Aus der Warmduscher-Angst heraus es mit dem heiligen Gerstensaft nicht mehr bis zur Party zu schaffen, beschlossen wir, dass Karma und ich zu Fuß weitergehen durften. War aber halb so wild, da wir uns beim Schlendern unseren American Dad-Fanboy-Status eingestanden und uns so bis zur location der Party voran lachten.

Kommen wir zur zweiten unerwarteten „Wendung“ des Abends. Natürlich beschränkte sich die rauschende Party auf eine winzige Wohnung mit ebenso winzigem Suizid-Balkon für mutige Raucher. Da wurde irgend ein Typ, den ich noch nichtmal kannte 30, und hielt es für eine prima Idee einfach jedem geladenen Gast aufzutragen noch viele Freunde und ebenso viel Bier mitzubringen. Klar, wenn ich in einem Palast wie dem seinen wohnen würde, hätte ich vermutlich das Selbe gemacht. Auf dem arschkleinen Balkon zusammengefercht scannten wir dann die übersichtlich aufgereihte Horde mediumprächtiger Gäste. „3 Chicks sind ok, der Rest ist alptraumhaft“ war schnell der Konsenz. Besonders die Herren der Schöpfung setzten sich aus derart blassen und langweiligen „In-der-Ecke-Rumstehern“ zusammen, dass man sich wie auf der Casting-Party zu Michael Jacksons Thriller vorkam.

Richtig funny waren auch die Schildchen, die sich jeder Neuankömmling auf die Brust pappen sollte. Eingedenk meiner wallenden Haarpracht hatte ich mich schnell dafür entschieden an diesem Abend Vin Diesel zu sein. Spätestens nach dem dritten „Ej, das passt, Vin Diesel hat auch keine Haare“ hinterfragte ich meine Entscheidung aber nochmal kritisch. Die meisten Partygäste waren eben nicht nur wegen den illegalen Substanzen, die im Nebenzimmer konsumiert wurden, sehr … zombiehaft. Ich finde den Vergleich passend, denn diese Sorte wankender Volltrottel sagt auch immer das Selbe: „Braiiiiiin…“ Außerdem möchte man mit ihnen nicht näher assoziiert werden und meint durch die Aura der Langeweile einen intensiven Würgereiz in sich aufsteigen zu spüren.

Über die verzweifelte, flachbrüstige Journalistin, die sadistische-bekloppte Lehramtsstudentin oder die anderen albernen Gestalten der Party verliere ich deswegen besser überhaupt keine Worte. Diese gnadenlose Zurschaustellung menschlichen Versagens ließ mich erneut den Stachel meiner Fernbeziehung in der Seele spüren.

Irgenwann blickten sich die Lady, ihr Freund und ich frierend auf dem Balkon an und einer von den beiden meinte „Ob wir das durchstehen?“
Mit einem stoischen und todesverachtenden Blick sagte ich zu den beiden „klar irgendwie schaffen wir das schon“, während sich gleichzeitig ein Bild von unseren Eltern oder Großeltern in meine Gedanken mogelte, wie sie mit Dreck und Tarnfarbe beschmiert in einem Schützengraben das selbe Gespräch führten…

Durch diesen frappierenden Kontrast ermutigt, die Situation tatsächlich meistern zu können, schulterten wir uns einen Weg in die Küche frei, stopften uns mit Nudelsalat und Wodka-Wackelpudding voll und verließen die Party fluchtartig in Richtung Parkplatz. Einer Party, auf der der attraktivste Ort das Klo ist, kann man, glaube ich, getrost den Rücken kehren.

Gott sei dank hatte die Lady ja noch 2 Kästen Bier im Kofferraum stehen und auch die Musik war in der Ente deutlich besser. Ich hatte zudem noch ein Chipssortiment von der Party mitgehen lassen und gab mich nun zu Elvis Presley meinem Bier-Fressflash hin. Irgendwann konnte ich jedoch das Zeug nicht mehr sehen und plazierte die beinahe leere Packung auf dem Dach des Nachbarautos. Als diese dann von einem Windstoß emporgewirbelt die restlichen Chips auf der Strasse verteilte, lachten wir hysterisch los wie 3 Teenager aus einem Softporno, die Sascha Hehn dabei beobachtet haben, wie er auf einer Bananenschale ausrutscht. Mir war klar: So lachen und abgehen wegen einer davongewehten Chipspackung kann man auch nur auf Grund von akutem Sauerstoffmangel in einer zugequalmten Ente und einigen Promille. Alles in allem war die übersichtliche Einzimmerwohnung in der Ente jedoch wesentlich geräumiger und bequemer als die Zombie-Stehparty nur wenige Meter entfernt.

Wir beendeten schließlich den Abend damit das Dach der Ente zu öffnen und trunken in die Sterne zu blicken, während die Lady bemüht war mit ihrem neuen Fotohandy möglichst alberne Schnappschüsse von uns zu machen. Was mal wieder beweist: Alles was man zu einer gelungenen Party braucht sind die besten Freunde und einen (mehrere) Kasten Bier…

Zug-Gedanken

Ich habs mal wieder geschafft; ich bin eine Granate.

Mit Kratzen im Hals und einem beständigen Dröhnen in der Birne sitze ich im Zug nach Würzburg. Immer wenn ich huste, schlägt ein Kobold in meinem Kopf den Gong, der direkt mit meiner Großhirnrinde verbunden ist. Geiles Gefühl…

Das Ganze ist das fragwürdige Ergebnis meiner diesjährigen Karnevalsaktivitäten. Widerwillig hatte ich mich zu einem Tag Saufen und Blödeln in alberner Takelage überreden lassen. Als unrasierter Ghettotiger mit Ali-Mütze folgte ich zwei mexikanischen Gauchos und einer Art steinzeitlichem Wikinger mit wirklich gut ausbalancierter Axt in verschiedene Örtlichkeiten trunkener Niveaulosigkeit. Nach wenigen Bieren verstärkte sich der Wunsch in mir, dem Komponisten der Karnevalssongs die Holzaxt des Wikingers zwischen den Augen zu befestigen. Doch gerade als ich mich schon genervt nach Hause zurück schleichen sah, begann der Abend doch noch interessant zu werden.
Im Hippie-Schuppen „Flowers“ hatten sich die gnädigen Besitzer für eine gleichberechtigte Mischung aus Karnevals-Schmuh und 80er-Rock entschieden, eine sehr viel erträglichere Atmosphäre also. Schon recht passabel angeheitert und „I was made for lovin’ you“ von Kiss Wort für Wort mitgrölend, fiel mein Blick immer wieder auf eine beschwipste Prinzessin neben mir. Bald erhob sich das Sternchenkleid mit dem Krönchen und legte mit einer adligen Kollegin eine heiße Sohle aufs Parkett. Das muss ungefär der Augenblick gewesen sein, als mein „Schnuckelig-Detektor“ ausschlug und mich zu baldigem Handeln mahnte.
Nach noch ein wenig Smalltalk und Abzucken im Carpe war es dann soweit: Der Tiger durfte die Prinzessin küssen. Und nachdem wir uns von „Bützchen“ zu etwas gewagteren Zungenschlägen gesteigert hatten, offenbarte sie mir, dass sie zwar Bonnerin sei, momentan aber in Würzburg ihr Medizinstudium abschließe und dann sowieso erstmal für ihr PJ nach Polen fahre. Natürlich…Eigentlich hätte ich ihre Ausführungen auch lippensynchron mitsprechen können, da ja Murphy einer meiner treuesten Weggefährten ist…
Schon vorgeschädigt durch eine halbgare Fernbeziehung mit einer bayerischen Zahnärztin, nahm ich mir vor das Tête-à-tête auf GARKEINEN Fall ausufern zu lassen. „Am Aschermittwoch muss spätestens alles vorbei sein“, indoktrinierte ich in die weiten meiner Alkohol-gefluteten Hirnwindungen. Überflüssig zu erwähnen, dass wir uns noch zwei mal getroffen haben und ich sie auch ohne Krönchen königlich fand.
So sitze ich nun also hier auf dem Weg ins Feindesland Bayern. Natürlich nicht ohne einen handfesten Grippe-Schlag, damit man von der ganzen Rappelei im Zug auch was hat. Ich weiß, dass ich hier vermutlich die vorläufig letzte Möglichkeit eine Zeit-, Kosten- und Nerven-intensive Fernbeziehung abzuwenden gekonnt mit Füßen trete, aber bei der Aussicht auf lustige Doktorspielchen, muss man eben mal in die fettige Weißwurst (anderorts: Saurer Apfel) beißen…
Leider geht mir die Prinzessin mit Skalpel und neckischem Lachen doch nicht mehr so leicht aus dem Kopf, wie es der James Bond in mir gerne gehabt hätte, so dass ich mich nun wohl oder übel übers WE „verarzten“ lassen muss…

Just verschwindet die Sonne hinter den Weinbergen des Kaffs, durch welches wir gerade rauschen, und pinselt ein verträumtes Gold auf die Wolken. Die Kondenzstreifen von ein paar durchgeknallten Jet-Piloten wirken auf diesem Hintergrund wie die güldenen Fäden eines tattrigen, alten Schneiders. Für mich sind dies gerade die Schicksalsfäden der Nornen, welche wie gewohnt in meinem Leben verworren und ungeordnet scheinen und ich frage mich, welche Version einer möglichen Zukunft ich gerade durch diese Zugfahrt Gestalt annehmen lasse…

Malen bis der Arzt kommt

Bild von dem genialen Louis Royo

Was sind das eigentlich für Menschen, die sich ein Tattoo stechen lassen? Was sind das für Charaktere, die sich ein einziges Motiv Nähmaschinen-artig unter die Haut hämmern lassen, unter Schmerzen und unwiderruflich?

Die Gründe sind sicher so vielfältig, wie die Visionen der ständig bekifften Tätowierer abgefahren sind. Ich komme darauf, weil sich neulich ein World of Warcraft-Vollblut-Nerd das Motto seiner Gilde auf den Hintern hat pieksen lassen, um von dieser ingame ein episches Reittier für 5000 Gold spendiert zu bekommen. Besonders spannend wird das Ganze für den jungen Mann, wenn seine nächste Freundin den Schriftzug „Swallow or its going in your eye“ auf seinem Gesäß eingraviert findet…

Und natürlich findet der Gute gleich begeisterte Nachahmer auf unserer Plattform: Ein junges Mädel hat nun angeboten sich unser Firmenlogo tätowieren zu lassen, wenn wir für sie den selben Betrag an „Spielgeld“ locker machen. Ein Kamerateam steht schon bereit.

In ihrer wilden Zeit machen Jugendliche heutzutage ja meist jede Art von körperlicher Selbsterfahrung und Exhibitionismus durch: Sie lassen sich bemalen, durchstechen, verbrennen und vierteilen, wenn es auch nur entfernt cool und „in“ ist. Später reiben sich dann Ärzte mit der Möglichkeit zur restaurativen Laser-Behandlung die Hände…

Ich will ja hier nicht den Spießer geben, aber vielleicht sollte man jede Art von permanentem „Haut-Upgrade“ erst ab einem etwas reiferem Alter erlauben. Auch eine 18-jährige kann noch nicht wirklich als erwachsen im Sinne von „vernünftig“ bezeichnet werden, wenn sie sich „Tokio Hotel“ auf die Stirn tätowieren lassen möchte.

In diesem Zusammenhang ist ohnehin interessant zu beobachten, welches Kunstwerk da so auf wem spazieren fährt. Heutzutage sind Tattoos ja schon lange kein exklusives Cainsmahl des Proletariats mehr. Während jeder Bauarbeiter vom Model „Manni“ einen Anker oder eine Meerjungfrau mit Silikontitten für den perfekten Ausdruck seiner Individualität und Männlichkeit hält, muss es für die Akademiker-Tochter schon ein chinesisches Schriftzeichen mit einer Bedeutung wie „Tiefsinniges Nachsinnen am Flußufer“ sein. Da wäre selbst ein Arsch-Geweih noch schicker, aber eben auch vom Model „Frisöse Chantalle“…

Doch ich sollte nicht zu viele Steine werfen, denn auch ich habe schon einmal darüber nachgesonnen mir ein kleines Bildchen stechen zu lassen. Meine Filzstiftkreationen haben füher irgendwie immer nur Akne gemacht, gejuckt und waren nach gewaltsamer Anwendung einer Waschbürste seitens meiner Mutter auch schnell wieder verschwunden. Da ich romantisch, perfektionistisch, Symbol-geil und einfach alles auf einmal bin, konnte ich mich nie auf nur ein Motiv festlegen. Die warmduscherische Angst, es könnte mir irgendwann nicht mehr gefallen, hat bisher die Jungfräulichkeit meiner Haut bewahrt. Außerdem bin ich mir meiner gelegentlichen Wankelmütigkeit, gepaart mit dem ständigen Drang Neues zu entdecken, nur zu gut bewußt. Müsste ich mich dennoch jetzt sofort für nur ein Tattoo entscheiden – viellleicht, weil mich perverse Außerirdische dazu zwingen – so würde ich wohl einen kleinen, chinesischen Drachen wählen. Als Symbol fasst er meine Vorlieben, Vorsätze und Wesenszüge einfach am besten zusammen. 1976 geboren, bin ich auch laut chinesischem Horoskop ein Drache, mit dessen Charaktereigenschaften – besonders mit den Negativen – ich mich leider bestens identifizieren kann. Außerdem steht er für meine romantisch-verklährte Weltsicht, meine Fantasy-Affinität und meine Faszination die asiatische Kultur und Philosophie betreffend. Und schließlich würde er mich an meinen Tagen des Schwächelns durch seine penetrante Präsenz höhnisch an die Stärke erinnern, mit der ich eigentlich meinen Hintern aus der Gülle heben sollte.

Doch leider ist das pussierliche Glückssymbol der Asiaten in der breiten Masse der Bevölkerung das, was der 3er BMW für die Türken (Entschuldigung: für die anatolischen Mitbürger mit Migrationshintergrund) ist: Billige Massenware. Jeder Volltrottel rennt damit rum, weil es endhart aussieht.

Naja, so habe ich Geld, Schmerzen und ein mögliches Bereuen gespart. Ich werde einfach so lange weiter überlegen bis ich zu alt für die Scheisse bin. Ich werde also spätestens morgen eine Entscheidung fällen müssen…

Foedi Occuli

Das sind Augen voller Haß.

So sehen meine Glubscher aus, wenn ich einen ganzen Tag lang in der Fa. fleißigst Texte übersetze, mich am Ende des Tages darauf freue die Zugfahrt mit ein wenig Literatur aufzulockern und dann aber feststellen muss, dass ich Dödel das Buch zu Hause vergessen habe.
Als Spontanreaktion hielt ich es für angemessen erstmal eine Weile pikiert aus dem Fenster zu schmollen. Doch bald schon wurde mir schmerzlich bewußt, dass es die Fensterscheibe einen Scheiss interessiert, ob ich ihr meine Unterlippe zeige. So zog ich dann meinen feinen Edelkulli hervor, den mir meine lieben Freunde in der festen Erwartung schenkten, dass ich doch noch Lehrer werden würde und fing an sinnlose Gedichte zu schreiben, um die restliche Zugfahrt abzukürzen. Dabei habe ich versucht, die Eindrücke in dem spektakulären Zugabteil in Worten lebendig werden zu lassen.

Ich möchte euch diesen literarischen Käse nicht vorenthalten. Try to have fun:

Noch nie hab ich so lang gesessen
Wie konnt ich nur mein Buch vergessen?
Scheisse, ist das ein zähes Rollen
An meine Ohren dringt ein Grollen
Mein Magen wünscht sich was zum Zehren
Wat zu lesen wär des Geist’s Begehren
Komme ich hier nochmal lebend raus
Mache ich ihn der Langeweile aus
Wen? Den Gar!
Wie wunderbar!

Surely, the crone next to me is old
Her arm touching mine as death so cold
She reeks of the grave and rotten things
What’s worse, she’s painted like a whore
Doubtful that any suitors it to her brings
Her whole being chills me to the core
Why are such creatures allowed to ride a train?
Throw them in front of it! Let only bones remain!

Züge sind meist billiger als Flüge
Und damit ich euch nicht belüge
Vermutlich auch billiger als Boote
Mit denen ich durchs Wasser pflüge
Und in jeder Kabine meine Frau betrüge
Tue damit als Mann was für die Quote…

Na toll, jetzt hat hier einer voll gebläht
Riecht nicht gerade nach frisch gemäht
Schweine verneigten sich hier in Demut
Vor dem
Was da in meine Nüstern kriechen tut
Extrem!
Könnt ich doch nur dagegen furzen!
Nur so ein bischen, einen Kurzen!
Dem würde ich zeigen wo der Hammer hängt
Wonach er sicher erstmal zu würgen gedenkt
Irks, wie das stinkt, Zug komm’ jetzt an!
Ah, der Bahnhof! Ich dacht’, ich wär’ dran!

Ok, bitte kein Rapid Fire Flaming…ich verspreche auch morgen an mein Buch zu denken…! ;-)

Einmal ist immer das erste Mal

Das kostenintensive Fest des faulen Fettes (für ganz Blöde: Weihnachten) steht mal wieder vor der Tür und was macht meine Waschmaschine? Madame beschliesst nach all den Jahren unserer soliden Beziehung einfach mal, von einem empörten Brummton begleitet, abzurauchen. Damit hat mich das Biest ohne mit der Wimper zu zucken zu einem längeren Aufenthalt in der Weichspülerduft-geschwängerten Luft eines Waschsalons verdonnert. Vielen Dank auch…
Da aber Rumzetern bekanntlich nur Energie verbraucht und keinesfalls die Macht besitzt Geschehenes ungeschehen zu machen, habe ich mich vergangenen Samstag das erste Mal in die Zentrale des Kleingelds und der zerplatzten Träume gewagt. Bisher war ich immer nur in respektvollem Abstand mit dem Auto an der Wäscherei vorbeigefahren. Manchmal musste ich allerdings an einer roten Ampel gleich auf Augenhöhe stehenbleiben und war so gezwungen einen Blick in die fahlen Gesichter der Wäsche-faltenden Hungerleider zu werfen.

Da gibt es diese käsigen Hausfrauen, die stoisch das x-te Mal männliche Unterhosen falten, gefangen in einem niemals endenden Kreislauf von Waschen, Trocknen, Falten und wieder Waschen, während ihr treusorgender Ehegatte nach einem harten Tag auf dem Bau das Geld für eine Waschmaschine mit den Kollegen verzecht. Ich glaube, es gibt auf diesem Planeten nur ausgesucht wenig Tätigkeiten, die an die kostbare-Lebenszeit-verschwendende Sinnlosigkeit von Unterhosenfalten heranreichen. Mir hat zumindest noch nie jemand gesagt „Kompliment, heute liegt ihre Unterhose aber besonders glatt an ihrem Gesäß an!“

Demgegenüber nur so strotzend vor Motivation und Lebensfreude wuseln auch immer einige Erstsemester durch die Waschküche und genießen ihren Aufenthalt als Teil des studentischen Lebensgefühls. Da sie sich noch Lichtjahre vom unbarmherzigen Arbeitsmarkt entfernt wähnen, lächeln sie unentwegt und freuen sich auf das abendliche Wegschädeln. Die Wasch- und Trockenzeit nutzen sie durch emsiges Schmökern in furchtbar bahnbrechender Literatur, über welche sich später beim kühlen Bier noch bahnbrechendere Gespräche führen lassen…

An diesen Hort des sozialen Abschaums hatte es mich also verschlagen, doch ich beschloß die Prüfung erhobenen Hauptes durchzustehen. Und es half ja auch nichts: Wer vögeln will, muss nach Kuschelweich riechen.
Zunächst war ich verblüfft ob der Größe der Maschinen und fragte mich, ob sie vielleicht so konzepiert waren, dass man die zu reinigenden Kleidungsstücke einfach anbehielt und in der Trommel platz nahm. Coole Idee eigentlich, nur der Drehwurm wäre enorm. Da ich zu den Leuten gehöre, die im Phantasialand auf der Krake gekotzt haben, verdrängte ich die Vorstellung jedoch schnell wieder.
Als ich dann meine Wäsche in die Maschine verfrachtet hatte, vernahm ich rechts neben mir ein leises Fluchen. Da stand ein entrüsteter Student vor einem Automaten, der über einen kleinen Ausgabeschacht Waschmittel absondern konnte. Doch anscheinend hatte eine leichte Fehlfunktion dafür gesorgt, dass sich der angepisste Kunde nun lamentierend weißes Pulver von der Hose klopfen durfte, welches immer noch teilweise in Form einer kleinen Wolke vor ihm in der Luft hing. Der Apparat spotzte derweil noch ein wenig blächern vor sich hin, was  wie das asthmatische Lachen eines neunzigjährigen Opis klang.

Amüsiert grinsend beglückwünschte ich mich dazu, dass ich wohlweisslich mein eigenes Waschpulver mitgebracht hatte. Leider offenbarte sich mir zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit die Maschine damit zu befüllen. Wo war denn nur diese scheiss Einfüllschublade?
Plötzlich meinte eine mütterlich-besorgte Studentin zu meiner Linken: „Du musst erst hinten am Automaten Geld einwerfen und die richtige Nummer wählen, sonst läuft der Trockner nicht.“
„Ah, gut…vielen Dank“, stammelte ich und kam mir mit einem Mal nicht mehr ganz so weise vor. Durch ein lautes Räuspern bedeutete ich der Frau, dass ich jetzt alleine klar käme und wartete geduldig bis sie aus meinem Sichtfeld verschwunden war. Dann räumte ich peinlich berührt meine Wäsche aus der vermeintlichen XXL-Waschmaschine in eine handelsübliche Schleudertrommel im hinteren Teil des Raumes und begab mich zum „Hive-Mind“. Und nachdem das dreiste Verarsch-Panel aus dem 2.Weltkrieg meine ersten Münzen ohne erkennbaren Effekt geschluckt hatte, konnte ich dann mit weiteren 2,50 Euro Maschine 23 aus dem Kollektiv dazu bewegen ihre Arbeit aufzunehmen.

Leise nörgelnd begab ich mich daraufhin zur Fensterfront, wo sich die einzigen Sitzmöglichkeiten befanden. Aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, dass sich so richtig lässige Studenten im Ninja-Schneidersitz auf die Waschmaschine setzen, um dort, gelegentlich mystisch um sich blickend, ihre Reklam-Heftchen zu studieren.

Um meinen Aufenthalt im sozialen Brennpunkt „Waschküche“ jedoch voll auszukosten, setzte ich mich tapfer auf den Präsentierteller, namens Panorama-Fensterscheibe. Irgendwie erinnerte mich die Lokalität an diese „Nutten-Schaufenster“ in Amsterdam, mit dem kleinen Unterschied, dass mir wohl niemand mit einem Ständer in der Hose dabei zuschauen würde, wie ich meinen mitgebrachten Oxford World Classic Roman lese. Oder doch? Es gibt ja für alles den passenden Perversen…

Ich habe dann aber recht schnell mein Buch zur Seite gelegt, weil es für mich als Abschaum-Neuling einfach zu viel zu begaffen gab. Das fing bei den lustig bemalten Studentendrahteseln an, die draußen an der Scheibe angelehnt waren (jeder mit einer schmückenden Plastiktüte auf dem Sattel, damit nach einem Regenguß das zukünftige Elite-Popöchen nicht naß wird) und hörte irgendwo bei den Waschküchen-Ninjas wieder auf.

Irgendwann war dann meine Wäsche auch fertig und ich konnte sie endlich in den Supertrockner befördern. Das Warnschild mit diversen Katastrophenschilderungen, die immer mit einem brennenden Waschsalon endeten, führten jedoch dazu, dass ich meine teilweise aus Wolle bestehende Wäsche nicht heiß genug und damit gleich dreimal trocknen durfte. Ich verbrachte die Zeit damit auf die hypnotische Drehtrommel des Trockners zu starren und dabei meinen sexuellen Phantasien freien Lauf zu lassen:

Da war dieses brünett-gelockte Vollweib, welches schwitzend vom Joggen den Laden betreten hatte, um sich nun gleich vor Ort ihrer Sport-Klamotten zu entledigen und splitternackt auf deren Säuberung zu warten. Dabei saß sie stöhnend auf der rappelnden Waschmaschine und fieberte dem Schleudergang entgegen. Während sie ihre Wäsche dann trocknete, schleuderte ich sie noch ein wenig durch die Gegend…

Schließlich entnahm ich dann die immernoch leicht feuchte Wäsche dem Trockner und stapfte nach einem 6,50 Euro Waschsalon-Besuch leicht genervt zu meinem Auto zurück. Heute ist, Gott sei Dank, meine neue Waschmaschine geliefert worden und ich habe mich gefreut wie ein Schneekönig. Wie man Sachen doch neu zu schätzen lernt, wenn man sie mal kurz entbehren mußte. Da fällt mir ein, dass ich es schon lange keiner Frau mehr auf einer Waschmaschine besorgt habe. Zumindest kann so ein Besuch im Waschsalon auf Grund der Langeweile-verdrängenden Kompensations-Serotoninausschüttung im Hirn durchaus „inspirierend“ wirken…

Blast from the past

Ich liebe Halloween. Kürbisschnitzen, schlechte Horrorfilme gucken, buntes Herbstlaub und abgedrehte Parties. Diesmal gestaltete sich All Hallow’s Eve jedoch geringfügig anders als sonst. Wir waren auf der Chemikerparty, wo ich mir recht deplaziert vorkam. Immerhin meinte eine nette Russin ich sähe aus wie Jean Reno. Das habe ich mal als Kompliment aufgefasst…sicherlich mit das Netteste, was man zu einem kahlköpfigen und unrasierten Penner sagen kann…

Aber eigentlich wollte ich doch wie in guten alten Zeiten die Halloweenparty der Anglisten unsicher machen und hinterher turbostrulli in die Koje fallen. Meine allererste Party in der familiär kleinen Vorhalle zur Anglistik ist mir immernoch lebhaft vor Augen und wird sich auch nur schwer durch ein anderes Partyerlebnis überschreiben lassen.
Seinerzeit versuchten wir zunächst mit fünf Mann in der Warteschlange Ruhe zu bewahren und unserer Vorfreude Herr zu werden. Der Hälfte von uns riß jedoch nach kurzer Zeit der Geduldsfaden, so dass sich ein Lutscher-Trio abspaltete und in Richtung der Konkurrenzveranstaltung der Chemiker-Pappnasen absetzte. Ein fataler Fehler.

Als Andi und ich es als überschaubarer Überrest unserer Truppe endlich über die Schwelle geschafft hatten, konnten wir das Fun-Potential das Abends noch nicht erahnen. Die meisten Mädels, verkleidet oder nicht, schienen anbagerungswürdig und die Musik war passabel. Anglisten sehen im Vergleich zu anderen Fakultäten eben einfach besser aus und haben den besseren Musikgeschmack, ist ja klar. Wir beschlossen natürlich erstmal vollzutanken und begaben uns zur „Theke“ (Aneinander geschobene Tische mit sowas von armen Schweinen dahinter, die die halbe Nacht besoffene Vollspacken im Akkord bedienen dürfen).

Mit dem ersten Bier in der Hand trafen wir dann noch ein besonders lustiges Grüppchen von Komillitonen, die ganz moderat mit einer Flasche Rotwein pro Nase „vorgeglüht“ hatten. Mit diesen Trunkenbolden sollten wir im Verlauf des Abends noch abgehen wie Jim Carrey auf Speed. Zunächst aber wippten wir nur schüchtern zur Musik wie alle anderen männlichen Bewegungs-Legastheniker, während wir verstohlen, an unseren Bierflaschen nuckelnd die herrenlosen Anglistinnen scannten, die paradiesischer Weise in übersichtlichen Dreier- und Vierergrüppchen angeordnet waren.
Ich weiß nicht mehr, wann wir Alkohol-technisch die kritische Masse erreicht hatten, doch ein halbwegs brauchbarer Indikator waren sicherlich die Namensschildchen der Dozenten, die wir scheinbar plötzlich vom schwarzen Brett geklaut und gut lesbar an unseren Jacken befestigt hatten. Einmal selbst in die Rolle des Dozenten schlüpfen, das erscheint dem Bier-durchweichten Gehirn einfach als nobelpreisverdächtige Idee. Dementsprechend schnell verpufften auch sämtliche Bedenken bezüglich der Tragweite der Anmaßung in meiner Denkvorrichtung, weswegen ich mir mit wilder Freude im Herzen schnell das Namensschildchen meiner jungen Dozentin für Sprachwissenschaft schnappte. Bei meinem Glück vermutlich überflüssig zu erwähnen, dass sich eben diese, von jugendlicher Regression beseelt, plötzlich mystischer Weise unter den Tanzenden befand.

Überrascht tippelte ich grinsend zu ihr herüber, um sie auf Englisch vollzutexten. Ich glaube das Lächeln auf meinen Lippen erstarb gleichzeitig mit der Realisation, dass ja ihr Namensschild auf meiner Brust prangte. Ich fühlte, wie sich in Sekundenschnelle ein fußballgroßer Kloß in meinem Hals materialisierte, als mein Blick angsterfüllt nach unten wanderte. Doch die Götter kannten Erbarmen. Anscheinend war das Schildchen dank meiner trunken-spastischen Tanzbewegungen irgendwann abgefallen. Ich überlegte noch kurz, ob ich mir das Schildchen vielleicht, strulli wie ich mittlerweile war, an die Stirn geklebt hatte, doch dem war, den Göttern sei Dank, nicht so. Als die gute Frau dann später wieder in der Menge verschwunden war, meine ich mich zu erinnern, noch ab und an ihren Namen, gefolgt von „I love you“ über die wabernde Menge gegröhlt zu haben. Junge, ich war nicht blau, ich war schon dunkelblau…

Irgendwann bin ich dann dazu übergegangen die kleine Inderin anzugraben, auf die das ganze Seminar scharf war. Diese war jedoch selbst so weggebombt, dass sie mir nur noch wenig Beachtung schenken konnte. Sie fand es zu diesem Zeitpunkt einfach deutlich spassiger zum Männerkloh zu rennen und die verdutzten Studenten an den Pissoirs vom Waschbecken aus nass zu spritzen. Ihr schrilles Gelächter war immer wieder zu hören, wenn man selbst mal einen strammen Wasserstrahl absondern wollte und sich in Richtung der Auffangbecken bewegte.

Und dann drehte die Party völlig ab: Die meisten Männlein und Weiblein hatten durch Ströme von Bier nun entgültig die Schallmauer durchbrochen und tanzten auf den Tischen. Auch meine kleine Inderin hatte sich bereits über die Menge erhoben und einen Tisch in der Nähe der Treppe zu ihrer privaten Tanzinsel erklärt. Zu ihren Füßen hatte sich eine Traube von geifernden Alkoholleichen versammelt, die zu blau und zu schüchtern waren zu der Göttin auf die Bühne zu steigen.

Der Eroberer in mir erwachte mit einem kehligen Knurren. Kurzentschlossen pflügte ich durch den Ring ihrer Jünger und schaffte es wie durch ein Wunder hinter ihr auf den Tisch zu klettern ohne gleich auf der anderen Seite wieder einen Abgang zu machen. Was dann passierte, hat unglaublich viel Spaß gemacht und für einen nüchternen Beobachter sicherlich einfach nur grotesk peinlich ausgesehen. Die sexy Inderin stand mit ihrem Rücken an mich gepresst, so dass ich mit meinen Tanzbewegungen die ihrigen lenken konnte. Ich muß wohl irgendwie mit meinen Knieen so seltsam vor und zurück gegangen sein, dass mir meine Tanzpartnerin mehrmals mitteilte ich solle aufpassen sie nicht vom Tisch zu „stoßen“. Hinterher berichtete man mir außerdem, es hätte ausgesehen als hätte ich sie dort oben „befruchten“ wollen…In dem Moment allein mit ihr auf dem Tisch, tanzend über einer Schar von neidischen Versagern, war mir jedoch alles im wahrsten Sinne des Wortes „Latte“. Ich hatte, was alle wollten, sich aber nie getraut hätten für sich zu beanspruchen. Eigentlich komisch, denn die grölenden Zombies zu meinen Füßen hatten doch genauso viel gebechert wie ich…
Am nächsten Morgen ist mir zudem bewußt geworden, dass ich an dem Abend prima hätte mein Leben lassen können. Der Pornotisch samt Shiva stand nämlich genau am Geländer zur Treppe nach unten. Ein falscher Tritt beim Tanzen auf dem schmalen Tisch und ich hätte einen stylischen Rückwärtsdive gen Ausgangstür gemacht, sicherlich begleitet von schadenfrohem Gejaule meiner Konkurrenten.

Auch mein blaublütiger Freund Andi war mittlerweile auf den Geschmack gekommen und tanzte mit ein paar anderen Mädels auf einem benachbarten Tisch. Anscheinend reichten ihm jedoch die Chicks um ihn herum nicht, da er einen weiblichen Groupie aus der Menge dazu auserkoren hatte, zu ihm auf den Tisch zu steigen. In der einen Hand die Bierflasche, streckte das lebende Hemd, Andi, zuversichtlich seine Hand aus, um seiner Holden auf den Tisch zu helfen. Die ihrerseits nicht ganz so schmächtige Fau setzte einen Fuß an der Tischkante an und zog dann kräftig an Andis Gummiarm. Selten sah ich so einen vollendeten Köpper von einem Tisch in die wartende Menge. Doch anscheined hatte sich Andy bei dem Stunt nicht ernsthaft verletzt, denn schon bald sah ich ihn zwischen den Tanzenden wahllos Frauen ansprechen. Dabei ging er äußerst konsequent und methodisch vor, mit dem Bier-induzierten Motto „Quantität vor Qualität“. Lehnte eine Auserwählte überraschender Weise sein lallend vorgetragenes Gesuch ab, sprach er einfach unzeremoniell und ohne jede Trauerfrist die Freundin an, die daneben stand. Eine Supertaktik. Ich kam bei dem Anblick aus dem Lachen kaum noch raus, königlich….

Nachdem Andi also das gesamte englische Seminar klar gemacht hatte und ich mich auf dem Tisch nicht mehr halten konnte, beschlossen wir den Heimweg anzutreten. Andi begleitete mich noch ein Stück nach Hause, wobei wir uns gegenseitig stützen mußten, so wie zwei Spielkarten, die man zu einem Häuschen zusammenschiebt. Nachdem ich dort angelangt war, ist Karte Nr.2 zum Bahnhof gewankt, um den letzten Bus zu erreichen. Später erzählte er mir, dass er in diesem eingepennt, einmal komplett rund gefahren und dann vom Ausgangspunkt zu Fuß nach Hause getorkelt ist. Arme Socke…

Von Chlor und Honig

Das Becken – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2007. Dies sind die Abenteuer einer neuen Badehose, die mit ihrer 1 Mann starken Besatzung ca. 20 Minuten unterwegs ist, um unbekannte Wassermassen zu erforschen, alte Pflaster und Körperflüssigkeiten. Viele Kilometer von zu Hause entfernt, dringt die Badehose in einen Mikrokosmos vor, den nie ein Mensch hätte sehen sollen.

Nachdem ein befreundetes Flachpfeifen-Pärchen mich wegen hanebüchener Gründe versetzt hat, stehe ich allein vor hektoliterweise unberührtem Chlor. So kurz vor Ende der Öffnungszeit des Bades pflügt nur noch ein faltiger, mindestens 80-jähriger Fisch mit hypnotisch-bunter Badekappe durch das durchstrullte Wasser des benachtbarten Kinderbeckens.
Perfekt. Ich kann also ganz ungestört und vor allem unbeobachtet meine Bahnen ziehen. Vor gut einem Jahr habe ich bei so einer Gelegenheit noch mindestens 2 km runtergerissen, alternierend Brust und Kraul, 40 Bahnen. Der Spiegel in der Umkleide hat mir jedoch verraten, dass ich diesmal durchaus auch mit 1000 Metern zufrieden sein darf. Die unbarmherzigen, unsichtbaren Fett-Wichtel im Büro haben meinen einst durch Joggen und Schwimmen wohl-definierten Körper gerade im Hüftbereich mit einer schützenden Lipid-Schicht umhäkelt. Bastarde!
Mit einem Seufzer lasse ich mich vom Rand in die warme Pisse gleiten und befestige die Schwimmbrille mit einem schmatzenden Geräusch in meinem Gesicht. Dann tauche ich und stoße mich unter Wasser von der Wand ab, um den alten Kahn in Fahrt zu bringen.

Die ersten 250 Meter:

Ich bin verblüfft wie schnell und ausdauernd ich voran komme. Schwimmen scheint da wie Fahrradfahren zu sein: Hat man die Technik erstmal verinnerlicht, verlernt man sie nicht mehr. Seit ich meinen Schwimmstil durch die entwürdigenden Äußerungen meiner damaligen Freundin animiert (wer wird schon gerne als verreckender Schaufelraddampfer bezeichnet?) und durch eine Bewegungsstudie aus dem Internet angeleitet, überarbeitet habe, bin ich ein echt guter Schwimmer geworden. Trotzdem merke ich gegen Ende des ersten Viertels, dass meine entwöhnten Muskeln Schmerzsignale an mein Hirn senden. Ich schalte sicherheitshalber erstmal auf entspannenderes Brustschwimmen um.

500 Meter:

Plötzlich, als ich gerade unter Wasser den schwarzen Strich ausmache, der die Beckenmitte markiert, spüre ich Stiche in der Brustgegend. Ein Herzinfarkt?
Frustriert überlege ich mir wie es wäre, jetzt hier, vom hirnlosen Bademeister unbeachtet, in der lauwarmen Plörre abzusaufen. Sang- und klanglos, ohne herzzereissende Geigenmusik oder das Wehklagen eines verzweifelten Weibes, einfach so. Erst nach ein paar Tagen würde man mich finden, weil mein Hintern den Bodenfilter verstopft hat und die Chlorwerte gefährlich angestiegen sind. Vielleicht hätte ich dadurch wenigstens noch ein paar nörgelnde Opis und Omis mitgenommen. Aber die schöne, neue Badehose…
Doch genau so schnell wie sie gekommen sind, verschwinden die Stiche auch wieder und ich rufe mir die feinen Nervenverästelungen in Erinnerung, die vom Rücken gürtelartig bis in die Brust wuchern: Langes Brustschwimmen – Hohlkreuz – sich verschiebende Wirbel – Bingo! Also kein Grund zur Beunruhigung. Trotzdem bin ich nach 500 Metern so alle, dass ich jede Bahn für die letzte halte. Immer wenn ich mit dem Kopf unter Wasser tauche meine ich die Wasserleichen von Elbenkriegern vorüberschwimmen zu sehen. Frodooooo…. Die Sinnestäuschungen eines Fantasy-Freaks, hervorgerufen durch muskuläre Überanstrengung.

750 Meter:

Plötzlich wirkt Popeyes Spinat. Ich weiß nicht warum, aber ich schwimme wie ein junger Gott, als mein Körper sich mit einem genervten „Ja, guuuuut…“ dazu entschließt die Energiereserven anzuzapfen und von „stand-by, vielleicht hört er ja freiwillig auf“ auf „eingeschwommen, ready for action“ umschaltet. Ich schwimme nur noch Kraul und fühle mich warm und elastisch. Ich erinnere mich, dass beim Schwimmen immer irgendwann dieser „Afterburner-Effekt“ einsetzt.

1000 Meter

Leider erinnere ich mich nicht mehr, dass der auch recht schnell wieder abklingt, wenn man es übertreibt. Die 20. Bahn kommt mir vor, als müsse ich eine Gebirgsschnelle aus Honig hinaufschwimmen. Etwas zu früh will ich nach dem rettenden Rand greifen und gehe mit einem Röcheln unspektakulär unter. Als ich kraftlos mit Aal-artigen Schlengelbewegungen in Richtung Treppe tauche, denke ich nur noch: „Ich bete nicht oft zu dir, aber wenn es dich wirklich gibt…hilf mir Aquaman!“
Auf der Treppe sitzend und wieder zu Atem gekommen schwimme ich noch 2 langsame Bahnen aus und begebe mich unter die Dusche. Ich werde jetzt 2 mal die Woche schwimmen gehen, um mal wieder in Form zu kommen und dem Bürodauersitzen entgegen zu wirken. Wieder Zu Hause angekommen, bekomme ich dann noch durch all das ausgeschüttete Serotonin und einen halben Liter geexte Cola einen unkontrollierbaren Lachflash. Das muss man also machen, um im Arbeitsleben mal wieder so richtig herzhaft lachen zu können… *g*

Es gibt einen Gott

Vergangen Samstag wurde mir unvermutet ein Stück himmlischer Gnade zu teil. Ich durfte etwas genießen, was nur ganz wenigen Männern auf diesem Planeten zu teil wird.

Im tiefsten Grunde seines Herzens strebt jeder erwachsene Mann nur nach drei Dingen im Leben: Einmal mit einem Porsche GT über die Nordschleife des Nürburgrings kacheln, einmal mit Sean Connery einen alten Wiskey vor dem Kamin in seinem schottischen Schloß trinken und einmal mit drei Frauen gleichzeitig…
…Conan, der Barbar schauen. Letzteres ist mir unter nur mit Mühe unterdrückten Freudentränen am Wochenende passiert. Drei liebe Wesen unverkennbar weiblichen Geschlechts begaben sich zu einem ungezwungenen Plausch- und DVD-Abend in meine Wohnung. Nachdem ich mich bereits innerlich darauf eingestellt hatte den Abend bei einer Komödie in Mitten gackernder Hühner zu verbringen, geschah das Unfassbare: Beim Studium meines DVD-Regals war es, glaube ich, die blutrünstige Keltologin, die Gouverneur Schwarzenegger im Wolfsfell sehen wollte. Unglaublicher Weise stimmten die anderen beiden Mädels sofort ein und ich merkte wie mich die Surrealität der Situation beinahe wahnsinnig loslachen lassen wollte. Das würde mir keiner glauben. Ich wünschte mir sehnlichst, dass eine von ihnen noch Gruppensex vorschlagen würde, um mich auf den Boden von etwas wahrscheinlicheren Tatsachen zurück zu holen.
Doch schon bald lagen wir wie die Heringe auf meinem Bett, während unter bekannten Paukenschlägen John Milius’ Trash-Meisterwerk losflimmerte. In Momenten wie diesen danke ich insgeheim einer bayerischen Ex-Freundin, dass sie mich ihrerzeit dazu zwang ein Ungetüm von einem Breitbandfernseher am Fußende meines Bettes im Schlafzimmer aufzustellen.
Das war ein wirklich gelungener Abend. Er wäre nur noch zu toppen gewesen, wenn die Mädels dazu nackt mit einem Kasten Bier erschienen wären. Aber wir wollen das ganze demnächst wiederholen. Ich bin auf alles gefasst.

Wie wärs mit einem Rambo-Trinkspiel? Immer wenn einer stirbt müssen alle saufen… diejenige, die dafür ist, werde ich ehelichen. Zur Not alle drei.

Fleisch

Gibt es Schöneres im Leben?

Mein Vater hat schon früh den Grundstein dafür gelegt, dass ich nie ein Vegetarier werden konnte. Im zarten Alter, als ich selbst noch so wenig auf den Rippen hatte, dass ich unbehelligt durch ein Rudel Wölfe hätte spazieren können, hatten wir eigentlich immer Wurst im Haus. Außerdem sorgte mein Dad dafür, dass sein Spargel-Tarzan mindestens einmal die Woche ein anständiges Steak in die Pfanne bekam. Vermutlich damit Mogli nicht für den Rest seines Lebens zum Gespött des Dschungels würde. Ob Herz, Nieren, Zunge oder Leber, ich verschmähte nichts.

Das hat seine Wirkung nicht verfehlt. Heute bin ich es, der schallend lacht und zwar über die schmächtigen Pflanzenfresser, die sich Vegetarier nennen. Oder über ihre Anführer, die Veganer, deren bleiche Haut ein manifestierter Hilfeschrei ihrer Mangelerscheinungen ist. Damit das an dieser Stelle nicht mißverstanden wird: Ich verachte die Körnerkauer nicht, sie tun mir nur so schrecklich leid! Wie können sie denn Mutter Natur nur so sträflich ignorieren und ihre Schneidezähne einfach stumpf werden lassen? Was bitte liegt denn näher als dümmere Lebewesen zu jagen, zu töten und dann zu verspeisen? Jahrtausendealte Tradition, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das bedeutet natürlich nicht, dass man Dieter Bohlen einfach aufessen darf…

Aber ich rede ja hier auch von Tieren, über die uns der Allmächtige, neben den Pflanzen, so freundlich war die Herrschaft zu geben. Und die sind nunmal einfach lecker, was soll man machen? Am liebsten blutig bis medium an Kräuterbutter auf einem Bett aus Salat, so wie ein gesunder Carnivore auf einem schwächlichen und nach Luft japsenden Herbivore sitzen würde. Fleischfresser oben, Pflanzenfresser unten, so war das schon immer. Noch weiter unten in der Nahrungskette kommen nur die leicht seltsam anmutenden Fruktarier, die einen Baum anbetteln müssen, er möge doch einen nicht mehr benötigten Apfel fallen lassen, um sich mal richtig satt essen zu können. Gibt es eigentlich wirklich solche Leute, also praktizierende Fruktarier, oder war das mal eine kurzlebige Sekte, die in irgendeinem Geschichtsbuch aufgetaucht ist? Fällt mir einfach schwer sowas zu glauben…

Warum gibt es immer wieder Märtyrer im Volk, denen die Herrausforderungen und Beschwernisse des menschlichen Lebens nicht ausreichen; Typen, die sich nur durch Selbstlimitierung „befriedigen“ können? Gibt es eigentlich Anti-Todsünden? Also das Gegenteil von Völlerei z.B.?

Aber wenden wir uns wieder der Serotonin und Endorphin durchfluteten Welt der Omnivore zu. Ich leide doch lieber an einem leichten Völlegefühl, als an nagendem Hunger… Oder wie Oscar Wilde gesagt hätte: „Es ist besser etwas zu bereuen, das man getan hat, als etwas, das man nicht getan hat.“ Trotzdem läßt sich natürlich alles auch übertreiben und manche Dinge sprengen die Grenzen des „guten Geschmacks“.
So hat unsere Wohlstandsgesellschaft einen Fress-Schuppen namens „Waldgeist“ hervorgebracht, den die Eigentümer wohl besser „Waldwanst“ genannt hätten. Hier lächeln einen von der Speisekarte XXXXXXXL-Gerichte an und man möge mir glauben, dass sich an dieser Stelle nicht mein Finger mit der X-Taste meines Keyboards paaren wollte. Ein ganzes Schnitzel füllt gleich zweimal den Teller, mit einer Pufferschicht Fritten dazwischen. Wer nicht aufißt, bekommt die sog. „Looser-Folie“ und darf den Anstandsrest unter vorwurfsvollen Blicken der Belegschaft mit nach Hause nehmen. Da ich an dem zweifelhaften Ruhm, Schnitzelkönig zu sein, nicht sonderlich interessiert war (ich stelle mir einen rotbäckigen, schwitzenden Mittvierziger mit einem Zepter aus Blutwurst vor, der dümmlich grinsend auf seinem Holzthron zusammengesunken ist, nachdem er unbemerkt einen Herzinfarkt hatte), habe ich mir eine eher modeste Portion Rumpsteak bestellt. Nicht so der stärkste Mann unter meinen Arbeitskollegen, welcher sich 1,2 Kilo des schmackhaften Fleisches braten ließ. Long story short: Nachdem er über eine Stunde daran gekaut hatte, ist das letzte Stück in den Magen eines Kollegen gewandert. Bei den letzten Bissen wirkte er, als würde er den Tag seiner Geburt bereuen. Ich habe mein Bestes getan ihn aufzuheitern und ihm Mut zu zusprechen.
Hinterher habe ich mich gefragt, ob ihn der Lutscher, den es zum Abschied gab, zum kotzen bringen würde. Da wir mit zwei Autos zurückgefahren sind und er im anderen saß, kann ich nur vermuten was unterwegs passiert ist. Ich nehme an, dass am selben Abend noch ein Polizeibeamter bei einer Routinekontrolle von einer sämigen Kotzwoge davon gespült wurde, als der Fahrer die Tür öffnete. Man merkt an der von mir gewählten Bildlichkeit, dass ich das Restaurant für überflüssig halte. Die römischen Zeiten, als man sich noch mit einer Fasanenfeder am Gaumen erleichterte, um noch mehr essen zu können, sind einfach vorbei. Alles in Maßen lautet mal wieder die Zauberformel, die mir ein paar Zeilen des von mir bewunderten Renaissance Dichters Sir John Suckling aus dem Gedicht „Against Fruition“ (gegen Erfüllung) in Erinnerung ruft:

Fruition adds no new wealth, but destroys,
And while it pleaseth much the palate, cloys;
Who thinks he shall be happier for that,
As reasonably might hope he might grow fat
By eating to a surfeit; this once past,
What relishes? Even kisses lose their taste.
[…]
´Tis expectation makes a blessing dear;
Heaven were not heaven, if we knew what it were.
[…]
(it) leaves us room to guess; so here restraint
Holds up delight, that with excess would faint.
They who know all the wealth they have are poor,
He’s only rich that cannot tell his store.

Ahhhh….was ist Fleisch, verglichen mit diesem Balsam für den Geist? Die „Libertines“ am Englischen Hof waren sicherlich übersättigt und faul, hatten dafür aber viel Zeit zum nachdenken und haben so das eine oder andere feine Gedicht produziert.

Ich verbleibe mit den Worten: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Was ist schon das bischen Protein, das ich runterschlucke, verglichen mit den Schlössern aus Zucker und Honig, die ich mit meinem Geist erschaffen kann? „Mind over Matter“, das ist es, was uns zum Menschen macht.