Murphy hört französischen Rap

Da hat Murphy mal wieder „Annoyer“, seinen treuen Zauberstab, ausgepackt und auf mich abgefeuert.

Nach einem langen Arbeitstag von geschmeidigen 11 Stunden, federte ich erleichtert auf meinen Turnschuhen durch die Kölner Innenstadt, in Richtung HBF. Ich dachte mir „Jetzt nur noch ein bischen gemütlich im Zug ein Buch lesen und dann ab nach Hause und in die Heia.“

Denkste.

Der Zug kam ausnahmsweise sogar punktgenau und ich sicherte mir ein lauschiges Fensterplätzchen in Fahrtrichtung. Und obwohl es rappelvoll war, setzte sich weder ein nach Verwesung riechender Opi noch ein Kaugummi vor sich hin schmatzender Skinhead auf den Platz neben mir. Entspanntes Abtauchen in die Welt meines Buches war also garantiert. So weit so gut.

Doch kaum hatten sich meine Augen an den Satzanfang des nächsten Kapitels geheftet, brach hinter mir eine Kakophonie los wie ein Unwetter im Paradies. Ich finde das allermeiste, was so an Rap in den Äther geblasen wird, schon ziemlich unerträglich, doch französischer Rap setzt dem locker die Krone auf.
So ein paar halbstarke Super-Proleten auf dem Vierer hinter mir, meinten über ein paar Miniboxen den ganzen Zug an ihrem schlechten Musikgeschmack teilhaben lassen zu müssen. Wobei das Präfix „super“ in diesem Fall einfach für die Maximierung aller visuellen und akustischen Merkmale steht, die man gewöhnlich mit pubertierenden Menschen der Unterschicht in Verbindung bringt; als da wären: Ausgebeulte Baseballkappen, die so sanft auf einem Bett von Gel platziert wurden, daß sie vom ersten Windstoß davon getragen würden, klebten sie nicht an den Haaren ihres Wirtes fest wie Beton; die schwarze Kurzhaar-Frisur zu einem schützenden und undurchdringlichen Helm zusammengeleimt; enganliegende, die Hühnerbrust betonende Tanktops, bedruckt mit gewagten Sprüchen; ein Goldkettchen, daß ohne Probleme das Gewicht eines Kleinwagens tragen könnte und ein niemals endender Strom von hippen Gossensprüchen, gefolgt von „ich schwörs dir, Alter.“

Schon bald hagelte es erste Proteste von einer schwangeren Mutter und einem gereizten Türken. Ich wünschte mir in diesem Moment nichts so sehr wie einen magischen Lautstärkeregler, der Musik und Gespäche der nervigen Kinderlein auf ein Flüstern reduzieren konnte. Ich bin, wie ich meine, doch recht verständnisvoll, was Alter und Intellekt meiner Mitmenschen anbelangt, doch nach so einem Tag wie heute gibt es Grenzen.
Die Proteste der anderen Fahrgäste spornten die Übeltäter natürlich an, das französische Geeiere noch lauter zu drehen und sich dabei halb totzulachen. Ich sah wie der Türke auf dem Sitz vor mir mit geballten Fäusten um Beherrschung rang.

In Gedanken flehte ich ihn an wie der Imperator Luke Skywalker: „Nimm’ all deinen Haß und all’ deinen Zorn und strecke sie damit nieder!“ In meiner Fantasie ist der Mann ein türkischer Chuck Norris auf dem Weg zu seiner krebskranken Frau. Er geht nur wortlos zu ihnen herüber und baut sich in ihrer Mitte auf. Ein paar halbherzige Schläge greift er fast spielerisch aus der Luft und drückt zu. Knochen knacken, Wimmern, Empörungsschreie bei den Übrigen. Dann hört man schnell hintereinander ein paar dumpfe Klatschlaute und am Ende liegen die Halbstarken übersichtlich auf einen Haufen gestapelt. Der türkische Chuck Norris grinst mich über die Sitze hinweg an und verschwindet mit einem Elbowdrop in Richtung Boden. Überaschtes Stöhnen, dann himmlische Ruhe. Das kleine Radio zerquetscht der Held beim Weggehen unter der Sohle seines Cowboystiefels.

Natürlich hatte keiner den Mumm auch nur mit Konsequenzen zu drohen. Einer der Musikbanausen schien nach der Hälfte der Fahrt sowas wie Unbehagen bei dem Gedanken zu spüren, daß der ganze Zug auf ihn sauer war. Immer wieder redete er dann auf seine Kumpanen ein „Isch schwörs dir, mach leise den Scheisen, die haben alle ihren Schnauzen voll, Alter.“ Es bewirkte selbstredend garnichts.
Mein Buch hatte ich mittlerweile entnervt weggesteckt und mir überlegt, ob eine Schlägerei im Zug ein akzeptabler Grund für eine längere Krankschreibung von meiner Arbeit wäre. Endlich am Bonner HBF angekommen war es bereits kurz nach Neun. Auf dem digitalen Haltestellenschild der Straßenbahn leuchtete mir das verlockende Versprechen „in 5 Minuten“ entgegen. Wenigstens nicht nach Hause latschen, dachte ich noch, als ich mich auf das Bänkchen setzte. Nachdem 5 Minuten später nochmal 10 Minuten die Anzeige „sofort“ geleuchtet hatte, stapfte ich Flüche vor mich hin murmelnd nach Hause, selbstverständlich mehr als bereit, von einer höhnisch bimmelnden Straßenbahn überholt zu werden.
Nachdem Murphy auch dieses Ereignis auf seinem großen Wandmonitor genießen durfte, fing mich auf halber Strecke einer seiner Handlanger ab, um noch ein bischen mehr von meinem Feierabend für Bullshit draufgehen zu lassen.
Ein leichenfahler Mittzwanziger schritt mit einer Bierflasche in der einen Hand und der anderen zum Gruß erhoben auf mich zu. „Ej, hasse ma, was Kleingeld für mich, damit ich nach Hause fahren kann?“ Die „E.T. nach Hause – Nummer“, dachte ich nur genervt, als sich eine Ausrede auf meinen Lippen zu formen begann. Ich hatte allerdings wirklich kein Kleingeld mehr, sondern nur noch zwei 50 Euro Scheine für meine nächste Zugfahrkarte. Nur um mich von Murphy freizukaufen hätte ich ihm schon ohne zu zögern mein Kleingeld ausgehändigt. Bevor ich jedoch irgendwas antworten konnte, meinte der Säufer „verdammt, ich wohne in Witterschlick, weißt du wie weit das ist?“ Er blickte mich vorwufsvoll an. „Klar weiß ich das, aber ich werde dir keinen Fuffi geben, tut mir leid.“
Dann blitzte sowas wie ein Geniefunke in seinen müden Augen auf. „Guck mal, ich schnorre, ist ja klar. Aber ich bin ein edler Schnorrer. Nicht so ein peinlicher Bettler. Willst du nicht mal eines Morgens aufwachen und dir sagen können, daß du einem armen Menschen mit 50 Euro aus der Patsche geholfen hast?“ Ich war fassungslos. „Ich muß jeden Tag mindestens 10 Stunden für mein Geld arbeiten; ich werde dir garantiert keine 50 Euro schenken.“ Bist du total Banane? fügte ich in Gedanken hinzu.
„Ich habe noch einen 5 Euro Schein, ich gebe ihn dir für deinen Fuffi, wäre das ok?“ Jetzt fing mein Kessel langsam zu dampfen an. Als ich empört erwidern wollte, dass er ja doch Geld habe, lenkte er mich freundschaftlich in die andere Richtung, zurück zum HBF, mit den Worten „Wir gehen einfach kurz zum Büdchen, dann kanst du den Schein wechseln.“ Da war er wieder, der Chuck Norris meiner Gedanken. Diesmal der echte. „Das ist mir jetzt ein klitzekleines Bisschen zu dreist“, stieß ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und wandte mich zum gehen. Es tat gut das Lamentieren hinter meinem Rücken langsam in der Ferne ersterben zu hören.

Und was zum Henker ist ein „edler Schnorrer“?

Über Thilo (1799 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.