Er-Mann, keiner macht mich mehr an!

Das war einer der spritzig-witzigen Werbeslogans einer vergangenen Ära der Lächerlichkeit. Die Anwendbarkeit des Spruchs auf Yoghurt und Actionfigur ist uns damals selbst als 8-Jährige aufgefallen.
Als Kind der späten 70er und frühen 80er bin ich mit der neuen deutschen Welle, Masters of the Universe und Tschernobyl aufgewachsen. Mit Ahoibrause auf der Zunge und Synthipop in den Ohren war die Welt noch in Ordnung. Außer Schule gab es nur wenige Zwänge in meinem Leben und alles war magisch: Die ersten, noch trockenen Orgasmen, Augenkrebs vom Gameboy spielen und Kartfahren auf dem Nürburgring mit zwei Lederkombis im Rücken, um an die Pedalen zu kommen.
Wäre mein Herz nicht ein von gescheiterten Liebesbeziehungen gemarterter Flickenteppich, könnte ich nun vielleicht eine Träne der Sentimentalität weinen. Doch wenn ich mir so einige Details in Erinnerung rufe, wirken viele der magischen Momente von damals aus heutiger Sicht eher albern und ich muss über beide Ohren grinsen.
Trashige Filmklassiker wie „The Sword and the Sorcerer“ waren damals nicht nur bei den Hell’s Angels ein Geheimtip. In den bodenständigen 80ern besann man sich so kurz nach Woodstock im aufkeimenden Fantasy-Genre noch aufs Wesentliche: Hübsche, schreiende Mädels mit richtig Holz vor der Hütte wurden von wortkargen Muskelmännern vor peinlichen Pappmaché-Bösewichtern gerettet. Inhaltlich kurz und prägnant und für die von Gras aufgeweichten Hirne unserer Eltern leicht zu verdauen. Diese Hirne dachten sich dann auch das Spielzeug aus, was uns vorgesetzt wurde und den Zeitgeist einer aussterbenden Generation wiederspiegelte: Ein blonder, hirnlos grinsender Muskelidiot, der Testosteron schwitzend und breitbeinig stehend nur den Namen HE-MAN bekommen konnte.

Wie ich sie geliebt habe, diese unverwüstlichen Muskelmänner, die wir umherwarfen, anzündeten und gegeneinander schlugen. Ich hatte immer recht viele von den Dingern, weil ich als Einzelkind und nach der Scheidung meiner Eltern bei meinem Vater lebend, unfassbar verwöhnt wurde. Ich war schon fast beleidigt, wenn mein Dad mal ohne einen neuen Gummimann von der Arbeit kam. Damals wurde man von den anderen Kindern gemieden, wenn man nicht mindestens zwanzig davon zum spielen mitbringen konnte. Ich stellte meine Armee von Eternia abends immer ehrfürchtig ins Regal zurück, gleichmäßig nebeneinander, und betrachtete sie noch eine Weile gedankenverloren, bevor ich ins Bett ging. Um die 18 Mark mußte mein Vater damals für eine Figur berappen und ich frage mich, wieviele Nebenjobs er machen mußte, um mir mein Hobby zu finanzieren. Später wurde das Spielerlebnis von den Produkt Designern (damals bestimmt noch Spielzeugmacher genannt) durch Burgen und Fahrzeuge intensiviert, sehr zur Freude unserer Eltern. Ich meine mich zu erinnern, dass Castle Grayskull, der unverzichtbare Kern einer jeden Sammlung, stolze 100 Mark gekostet hat.

Wenn ich mir heute überlege, womit ich da damals gespielt habe, fühle ich wie sich mein Anglisten-Herz zusammenkrampft. Gute wie böse Helden trugen immer recht pragmatische, „sprechende“ Namen wie Beast-Man oder Fisto. Letzterer hatte eine gewaltige silberne Faust, die er durch eine Drehung an der Hüfte vorschnellen lassen konnte. Heutzutage, im Zeitalter von Jenna Jameson und Gina Wild, würde niemand mehr eine Actionfigur „Fisto“ nennen. Für deutsche, nicht bilingual aufgewachene Kinder klangen die Namen bestimmt mystisch und passend, aber was ist mit dem amerikanischen Markt los gewesen? Kamen sich Ami-Kinder vielleicht veräppelt vor, wenn sie einen „Mann-an-den-Waffen“ (Man-at-Arms) aus der Packung schälten?
Noch besser waren aber die technischen Finessen, mit denen spätere Figuren aufwarten konnten. Diese reichten in ihrer Komplexität und Nutzerfreundlichkeit von passabel bis erbärmlich. Konnte sich Kollege „Webstor“ immerhin, wie Spiderman, selbstständig an einem Faden hochziehen, so war das lebende Schädeltrauma „Ram-Man“ eine bodenlose Frechheit. Mit Stahlhelm und einem Gesichtausdruck, den auch ein Hauptschüler vor einer Kurvendiskussion nicht übertreffen konnte, lächelte einem die menschliche Ramme aus der Packung entgegen. Auf der Rückseite wurden Lobeshymnen auf die nervenaufreibende „Ram-Action“ gesungen, welche angeblich durch einen kleinen Schalter am Fuss aktiviert werden konnte. Unvergessen die Enttäuschung, als ich Ram-Man das erste mal gelangweilt umkippen sah. Irgendwie hatten die findigen Designer vergessen eine Sprungfeder in die Beine zu integrieren.
Eine passable Gaudi brachten auch die unterschiedlichen Wasserwerfer wie Snout Spout oder Kobra Kahn. Ich weiß nicht mehr, wie häufig ich meiner Mutter stinkendes Faulwasser ins Gesicht gesprüht habe. Ein Geselle hatte sogar ein paar Feuersteine im Maul, mit Hilfe derer er Funken sprühen konnte. Als die Steine aufgebraucht waren, flog die dem Predator nicht unähnliche Figur allerdings in die Ecke.

Irgendwann sammelte ich einfach alles von Masters of the Universe: Die Figuren, Comics, Hörspiele und Videokassetten. Ich kann immer noch die Melodie summen, welche den Anfang jeden Hörspiels makierte. Fantastisch, aufregend und mysteriös. Diese Geschichten haben mich inspiriert und geprägt. Sie haben sicherlich den Grundstein für alle weitere „Nerdity“ in meinem Leben gelegt.
Einige wenige meiner Freunde mußten damals jedoch eine unsagbar bittere Existenz fristen. Ihre Eltern hielten die „Herren des Universums“ für zu brutal. Ich weiß noch, dass ich einmal empört nach Hause gegangen bin, als die Mutter eines Spielkameraden uns die Zeichentrickserie nicht gucken lassen wollte. Dass die Frau sich für Amnesty International engagierte und im Bioladen einkaufte war in dem Zusammenhang sicher nur Zufall. Ich bin jedoch froh, dass mich mein Vater meine Gelüste diesbezüglich immer ausleben ließ, sonst wäre ich heute vielleicht irgendwie „nerdig“… *hüstl*

Über Thilo (1745 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

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