Grün macht glücklich!

Der kleine Dandy in mir liebte insgeheim schon immer das Extravagante; mit der Masse schwimmen ist ja auch langweilig. Leider kann einen Autonormalverbraucher ein exquisiter Geschmack im Leben teuer zu stehen kommen, besonders wenn er sich auf exotische Lebensmittel bezieht. Sparen ist nur möglich, wenn die massendynamische Trendhure von einem Nischenprodukt Wind bekommt und plötzlich alle zu Feinschmeckern mutieren.

Ich erinnere mich noch gut an den skeptischen Moment als das erste Sushiröllchen die rosige Schwelle meiner Lippen zum Reich der Verdauungssäfte überschreiten durfte: Welch’ ein Gaumenfick!
Nur wenige Wochen später füllte Aldi, der Hauptlieferant der Trendhure, Deutschlands Tiefkühltruhen mit dem Seetang-ummantelten Matschreis. Schon konnten auch Heinz und Marita vom Kegelklub ihren Geschmackshorizont erweitern. „Perlen vor die Säue“ trifft es hier jedoch nicht ganz, da das pappige Sushi-Imitat von Aldi leider nur zum Türstopper taugt. Auf Mittelschicht-Parties kann man sich hervorragend als Banause erster Stunde outen, indem man den Aldi-Nemo vor allen Anwesenden für „echt ok“ befindet.
Möchtgern-Gourmets erkennt man auch daran, dass sie plötzlich einer Delikatesse für immer abschwören, nur weil nun auch der „gemeine Pöbel“ in den Genuß selbiger kommt.
Meiner Meinung nach ist das ein unreifes Alphatier-Gehabe, zu finden in „Psychologie für Dummies“ ganz vorne. Oder wie Dschingis Kahn diese Geisteshaltung beschrieben hätte: „Es reicht mir nicht zu gewinnen, die anderen müssen verlieren!“
Der Vorteil ist: Wenn die ganzen Pseudo-Jetsetter kein Sushi mehr mögen, weil es sich auch Oma Frieda vom Altenstift reinziehen kann und der allgemeine Hype etwas abgeflaut ist, dann sind Leute wie ich, die Sushi einfach essen, weil es ihnen mundet, plötzlich wieder elitär. Beharrlichkeit zahlt sich eben doch aus. Oder vielleicht sollte man einfach ehrlich mit sich selbst sein. Nur weil es elitär ist, werden Austern für mich niemals aufhören wie salziger Rotz zu schmecken. Andersrum würde ich auch einen Porsche fahren, wenn jeder einen hätte; ist einfach ein geiles Auto, egal wer drin sitzt.

Letzten Donnerstag durfte ich allerdings eine auserlesene Köstlichkeit über meine Geschmackssensoren laufen lassen, die ganz sicher niemals ihren Weg in profane Supermarktregale finden wird: Japanischen Gyokuro Kimigayo, First Flush. Was hier für den Unbedarften wie ein asiatischer Superheld klingt, ist ein grüner Tee von solch elitärer Qualität, dass er nur selten aus Japan exportiert werden darf. Hundert Gramm kosten über Achtzig Euro, weswegen er wirklich nur für Hardcore-Teeliebhaber in Frage kommt. Das Schildchen auf der Aroma-versiegelten Packung erzählt von einem Genußerlebnis, welches sich wie die Beschreibung eines Drogentrips anhört:

Selbst dem gestandenen Teeverkoster fehlen die richtigen Worte bei dem Versuch einen Gyokuro zu beschreiben, der einem Jahrhundertereignis gleichkommt. Hochglänzende Blattnadeln in Perfektion, der Duft verzaubert, die Tasse berauscht, die Sinne vibrieren. Eine „Hymne an den Kaiser“ und doch – ein Tee!

Als mein Gastgeber das edle Gebräu mit gutem, gekauften Wasser in einer Glaskanne aufsetzte, leuchteten mir geschmolzene Smaragde entgegen. Die Farbe war zumindest schon mal fabulös. Jetzt mußte er nur noch in geschmacklicher Hinsicht eine Offenbarung sein. Das Duftöl geschwängerte Ambiente und die sanfte Untermalung durch die Glenn-Gould Edition des wohltemperierten Klaviers von Bach ließen eigentlich keine andere Möglichkeit zu.
Als ich den grünen Duft an meine Lippen führte, zitterten meine Hände ein wenig. Ich betete, dass mir der allmorgendliche Kaffee nicht mittlerweile die Geschmacksnerven ruiniert hat. Erster Eindruck: Sehr sanft, fast wie ein weißer Tee, darin stimmten wir sofort überein. Erst nach mehreren Tassen offenbarte sich die Klasse und Besonderheit des Tees. Wie ein gedankenverlorener Liebhaber umschmeichelt er die Zunge, ohne auch nur ein bischen bitter zu schmecken. Vollmundig, aber nicht aufdringlich. Verdammt lecker…nur Einbildung?

Ob er jetzt so viel besser war als ein „normaler“ First Flush weiß ich nicht, zumindest stellt sich die Frage nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis. Meine Oma, die ich vor ein paar Jahren in die Geheimnisse der Teekunst einführen wollte, hätte sicher auch diesen Tee als „nach Pisse schmeckenden Heu-Aufguß“ abgetan. Und auch die Nachkriegs-Zunge meines Opas hätte sich über eine Tasse „heißes Wasser“ sicher nicht so recht freuen können. Ich fand ihn jedoch äußerst vollzüglich und schon sorgte das Teein von zwei Kannen dafür, dass ich ganz sanft „drauf kam.“
Wie bei einer klassischen Tee-Zeremonie reichte mir mein Gastgeber noch ein paar „kleine, raffinierte Süßigkeiten“ in Form von drei Tafeln Schokolade. Natürlich keine gewöhnliche Schokolade: Mit Zitrone und Minze in weißer Schokolade von Coppeneur hatte ich sogar schon mal das Vergnügen, doch die „Fair und Bio-Marke“ Zotter schaffte es mir geschmacklich die Hose auszuziehen. Sesam-Sauerkirsch und Dattel-Shiitake produzierten zunächst einen spontanen Würgereiz. Beide sind jedoch das Unglaublichste was ich an Schokolade je gegessen habe. Besonders letztere Sorte drohte meinen Hüftumfang über Gebühr zu strapazieren.
Gesetz: Schokolade, die so teuer ist, schmeckt geil, egal was drauf steht. Nach diesen Sorten würde ich von der selben Firma ohne Vorbehalt auch „Katzenkot-Blaubeer“ probieren.

Am Ende eines anstrengenden Arbeitstages mit so vielen Gaumenfreuden entschädigt zu werden hat mir – niemand hätte es erraten – überdurchschnittlich gut gefallen. Das sollte man regelmäßig machen. Ich sehe verschiedene „Aktionstage“ vor mir. Nach dem „Perverse Leckereien-Tag“ käme sicher sowas wie der „Blowjob-Schnitzel-Tag“, gefolgt von „ich werde in den Schlaf massiert-Tag“…

You do the math.

Über Thilo (1799 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

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