Malen bis der Arzt kommt

Bild von dem genialen Louis Royo

Was sind das eigentlich für Menschen, die sich ein Tattoo stechen lassen? Was sind das für Charaktere, die sich ein einziges Motiv Nähmaschinen-artig unter die Haut hämmern lassen, unter Schmerzen und unwiderruflich?

Die Gründe sind sicher so vielfältig, wie die Visionen der ständig bekifften Tätowierer abgefahren sind. Ich komme darauf, weil sich neulich ein World of Warcraft-Vollblut-Nerd das Motto seiner Gilde auf den Hintern hat pieksen lassen, um von dieser ingame ein episches Reittier für 5000 Gold spendiert zu bekommen. Besonders spannend wird das Ganze für den jungen Mann, wenn seine nächste Freundin den Schriftzug „Swallow or its going in your eye“ auf seinem Gesäß eingraviert findet…

Und natürlich findet der Gute gleich begeisterte Nachahmer auf unserer Plattform: Ein junges Mädel hat nun angeboten sich unser Firmenlogo tätowieren zu lassen, wenn wir für sie den selben Betrag an „Spielgeld“ locker machen. Ein Kamerateam steht schon bereit.

In ihrer wilden Zeit machen Jugendliche heutzutage ja meist jede Art von körperlicher Selbsterfahrung und Exhibitionismus durch: Sie lassen sich bemalen, durchstechen, verbrennen und vierteilen, wenn es auch nur entfernt cool und „in“ ist. Später reiben sich dann Ärzte mit der Möglichkeit zur restaurativen Laser-Behandlung die Hände…

Ich will ja hier nicht den Spießer geben, aber vielleicht sollte man jede Art von permanentem „Haut-Upgrade“ erst ab einem etwas reiferem Alter erlauben. Auch eine 18-jährige kann noch nicht wirklich als erwachsen im Sinne von „vernünftig“ bezeichnet werden, wenn sie sich „Tokio Hotel“ auf die Stirn tätowieren lassen möchte.

In diesem Zusammenhang ist ohnehin interessant zu beobachten, welches Kunstwerk da so auf wem spazieren fährt. Heutzutage sind Tattoos ja schon lange kein exklusives Cainsmahl des Proletariats mehr. Während jeder Bauarbeiter vom Model „Manni“ einen Anker oder eine Meerjungfrau mit Silikontitten für den perfekten Ausdruck seiner Individualität und Männlichkeit hält, muss es für die Akademiker-Tochter schon ein chinesisches Schriftzeichen mit einer Bedeutung wie „Tiefsinniges Nachsinnen am Flußufer“ sein. Da wäre selbst ein Arsch-Geweih noch schicker, aber eben auch vom Model „Frisöse Chantalle“…

Doch ich sollte nicht zu viele Steine werfen, denn auch ich habe schon einmal darüber nachgesonnen mir ein kleines Bildchen stechen zu lassen. Meine Filzstiftkreationen haben füher irgendwie immer nur Akne gemacht, gejuckt und waren nach gewaltsamer Anwendung einer Waschbürste seitens meiner Mutter auch schnell wieder verschwunden. Da ich romantisch, perfektionistisch, Symbol-geil und einfach alles auf einmal bin, konnte ich mich nie auf nur ein Motiv festlegen. Die warmduscherische Angst, es könnte mir irgendwann nicht mehr gefallen, hat bisher die Jungfräulichkeit meiner Haut bewahrt. Außerdem bin ich mir meiner gelegentlichen Wankelmütigkeit, gepaart mit dem ständigen Drang Neues zu entdecken, nur zu gut bewußt. Müsste ich mich dennoch jetzt sofort für nur ein Tattoo entscheiden – viellleicht, weil mich perverse Außerirdische dazu zwingen – so würde ich wohl einen kleinen, chinesischen Drachen wählen. Als Symbol fasst er meine Vorlieben, Vorsätze und Wesenszüge einfach am besten zusammen. 1976 geboren, bin ich auch laut chinesischem Horoskop ein Drache, mit dessen Charaktereigenschaften – besonders mit den Negativen – ich mich leider bestens identifizieren kann. Außerdem steht er für meine romantisch-verklährte Weltsicht, meine Fantasy-Affinität und meine Faszination die asiatische Kultur und Philosophie betreffend. Und schließlich würde er mich an meinen Tagen des Schwächelns durch seine penetrante Präsenz höhnisch an die Stärke erinnern, mit der ich eigentlich meinen Hintern aus der Gülle heben sollte.

Doch leider ist das pussierliche Glückssymbol der Asiaten in der breiten Masse der Bevölkerung das, was der 3er BMW für die Türken (Entschuldigung: für die anatolischen Mitbürger mit Migrationshintergrund) ist: Billige Massenware. Jeder Volltrottel rennt damit rum, weil es endhart aussieht.

Naja, so habe ich Geld, Schmerzen und ein mögliches Bereuen gespart. Ich werde einfach so lange weiter überlegen bis ich zu alt für die Scheisse bin. Ich werde also spätestens morgen eine Entscheidung fällen müssen…

Über Thilo (1800 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

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