Ghost in the Shell: Zu wenig Geist im Eye Candy

6 von 10 Geisha-Robotern

Kennt ihr diese Pralinen mit Obstgeist drin? Das sind so leckere Schoko-Geräte mit einem Kern aus zart brennendem Alkohol. Nun, Ghost in the Shell ist eine optisch wirklich verdammt leckere Praline, nur wenn man nach langem dran rumlutschen endlich beherzt reinbeißt, fließt nur ein wenig süßlicher Saft ohne Wumm über die Zunge.

Das war meine Kritik zu Ghost in the Shell. Vielen Dank. Weiter gehen. Hier gibt es nichts zu sehen.

Ok, schon gut, ich stöpsele mein Gehirn mal wieder an die Stromversorgung an und verliere noch ein paar Worte zur Erklärung. Ich bin scheinbar nicht der erste, dem das Verhältnis von Optik und Inhalt wie eine abgelaufene Himbeergeist-Praline vorkam. An einigen Kritiker-Fronten heißt es wohl ebenfalls „viel Shell, wenig Ghost.“ Leider hat sich diese grobe Einordnung für mich ebenfalls bewahrheitet. Das einzige, was ich vom Film jetzt noch in Erinnerung habe, sind die atemberaubenden Ausblicke in und auf eine Cyberpunk-Stadt voller Riesenhologramme und eine künstliche Superleber, die ich auch dringend brauche.

Ok, und einige Actionszenen mit Major, dem Cyborg, der von Scarlett Johannson gespielt wird, sind ebenfalls sehr nett anzusehen. Besonders die gruseligen Geisha-Roboter, die echt unfreundlich werden können, wenn sie mal gehackt wurden, sind der Stoff, aus dem schaurig-schöne Scifi-Alpträume sind.

Allerdings ist bloße Optik, mit ein paar Schießereien garniert, für einen Film, der zusammen mit Blade Runner und Neuromancer die jüngere Science-Fiction beeinflusst hat, wie kaum ein anderer, leider etwas zu dünn. Die Handlung des Films ist so simpel gestrickt wie eine Superhelden-Origin Story und alle etwaigen Kopfnüsse werden brav erklärt. Hier hätte etwas mehr Mystik oder Absonderliches gut getan. Oder es hätte einfach auf der Anime-Vorlage aufgebaut und weiter entwickelt werden müssen. Mit etwas mehr Mut hätte so Ghost in the Shell durch die Realverfilmung eine Art Upgrade oder sogar Wiedergeburt erfahren können. Denn so, wie er jetzt ist, wurden seine interessanten Versatzstücke einfach schon zu oft von späteren Scifi-Filmen aufgegriffen und für Aha-Effekte instrumentalisiert. Gerade Matrix hat Ghost in the Shell ja im Prinzip als Grundgerüst benutzt und viele Einzelszenen sogar fast ein zu eins kopiert.

Und selbst, wenn die Story nicht tiefgründiger oder komplexer geworden wäre, hätte man durch die Implikationen einer so mechanisierten Welt eine noch deutlich intensivere Atmosphäre kreieren können. Durch einen kräftigen Schuss Techno-Horror und Roboter-Phobie, hätte Ghost in the Shell zumindest ein düsteres Arthouse-Kunstwerk werden können.

So ist es zwar immerhin ein perfekt zum Leben erweckter Anime, jedoch leider auch kein Stück mehr. Denn wo der Anime aufgrund seiner Kunstform und des Datums seiner Veröffentlichung ein Meilenstein war, hätte das „Realfilm-Remake“ ein zeitgemäßes Upgrade gebraucht.

Über Thilo (1143 Artikel)
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