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Das Remake von „Es“ ist nicht angsteinflößend aber atmosphärisch

9 von 10 roten Luftballons

Ich gestehe, ich habe Stephen Kings „It“ nie gelesen. Und ob ich die zweiteilige Miniserie von 1990 im TV gesehen habe, kann ich auf Grund von bestenfalls nebulösen Erinnerungsfetzen nun auch nicht mehr mit Sicherheit sagen.

Allerdings spielt all das auch keine große Rolle, weil mich Andy Muschiettis Version des umfangreichen Stoffes, ganz für sich alleine, vorzüglich unterhalten und gerade schauspielerisch vollkommen überzeugt hat. Was hier alle Akteure, aber insbesondere die Kinderstars, an Gefühlen und Ausdruck, aber auch an Komik und Tragik abgerufen haben, dürfte auch Stephen King, der ja sein Hauptaugenmerk immer auf Charaktere und zwischenmenschliche Beziehungen gelegt hat, sehr freuen.

Überhaupt konnte ich mich durch den „Klub der Verlierer“, wie sich die Kinder selbst nennen, eines gewissen Stranger Things-Vibes nicht erwehren. Und das nicht nur, weil einer der Kinder auch die Rolle des Mike Wheeler in Stranger Things bekleidet. Zwar wurden wir als Zuschauer bei „Es“ nicht ganz so verschwenderisch mit 80er Nostalgie übergossen wie bei der jungen Netflix-Serie, doch die Grundkonstellation ist dieselbe: eine Truppe Pubertierender rottet sich zusammen gegen einen übernatürlichen Feind. Und das reicht schon. Mir jedenfalls. Vermutlich habe ich eine Schwäche für Coming-of-age Stories mit übersinnlichem Einschlag, wie Super 8 (2011) oder Goonies (1985). Wenn Kinder gemeinsam gegen Tod und Teufel kämpfen, dann fühle ich mich einfach selbst wieder in meine Kindheit versetzt, mit all ihren Wundern, aber auch Ängsten und Nachtschrecken.

Doch das wunderbar Verstörende an „Es“ ist, dass der dämonische Clown gar nicht mal komplett im Vordergrund steht. Denn Stephen King ist ein (genial-) krankes Schwein und zeichnet in seinen Romanen scheinbar gerne eine Welt, die an allen Ecken und Enden moralisch marode ist. So ist es in „Es“ schwer zu entscheiden, ob die amoralischen Rabeneltern der Kinder, die grausamen Schläger aus den höheren Schulklassen oder ein Clown, der sich von Menschenfleisch und Angst ernährt, auf den Thron des Bösen zu setzen ist. Dementsprechend „leicht“ besuchen die Kids das Monster auch in seinem eigenen Unterschlupf, da die meisten von Ihnen im eigenen Zuhause größere Schrecken erwarten als in einem Horrorhaus, das in bester Psycho-Manier seinen Schatten die Straße hinunter wirft.

Nun fragt ihr euch sicher, wie denn der Clown selbst in Szene gesetzt ist und ob „Es“ überhaupt als Horrorfilm ernst genommen werden kann.

Absolut! Allerdings vielleicht auf eine etwas andere Art, als viele im Angesicht eines menschenfressenden Killerclowns erwarten würden. Da Pennywise die Gestaltwandler-Fähigkeit besitzt sich in die Ängste seiner Opfer zu verwandeln, bekommen wir in wohl dosierten Abständen handfeste Jump Scares vor den Bug geschossen. Hier wird tricktechnisch oder auf Erzählebene kein Neuland entdeckt, doch die Bilder sind so schön in Szene gesetzt und mit Sound untermalt, dass es durchaus Gänsehaut zu erzeugen weiß. Ich fand es nie wirklich grauenvoll gruselig, aber dennoch durch die Kompositionen aufreibend. Dazu hat auf jeden Fall auch die „Dolby Atmos“-Anlage des Kinosaals beigetragen, die Dolby Digital 7.1 recht alt klingen lässt. Durch unzählige Surround- und Deckenlautsprecher kann der Ton frei im Raum platziert werden und macht deshalb einige Szenen sehr intensiv. Ich kann euch nur raten auf diese Ausstattung zu achten, wenn ihr euch „Es“ anschaut. Und sei es auch nur, weil ihr vielleicht auch einen Deppen neben euch sitzen haben könntet, der sich andauernd gehetzt rumdreht, weil er glaubt hinten im Kino sei irgendwas runter gefallen oder eine Tür aufgegangen. Junge, musste ich über den kichern.

Also, ich hab auf jeden Fall Bock auf den nächsten Teil, der uns die Abenteuer der Kinder im erwachsenen Alter zeigt und damit den zweiten Teil von Kings 1138-Seiten-Wälzer auf die Leinwand bringt. „Es“ ist für mich persönlich ein schöner Auftakt in einen atmosphärischen Herbst und ein gruseliges Halloween. Mehr hatte ich mir von einem Monster-Clown auch nie erwartet.

Über Thilo (1635 Artikel)
<p>Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.</p>

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