Filmkritik: 13 Assassins – Blutiges Samurai Epos

8 von 10 Katana

Als Kind habe ich sämtliche Eastern verschlungen, besonders auf der Ninja-Welle der Achtziger bin ich mit Begeisterung geritten. Trotzdem bin ich nie zu einem Eastern-Fan par excellence geworden und nehme bis heute Anstoß daran, wenn Kung-Fu-Kämpfer in Eastern fliegen können oder sonstige Kunststückchen vollführen, die über geistige und körperliche Disziplin hinaus gehen. Damit mich niemand falsch versteht: Trotz meiner seltsamen und beinahe fanatischen Realismus-Präferenz in diesem Genre, waren Tiger and Dragon oder Hero grandiose Filme!

Nun ist mir das Remake des Schwarzweiß-Klassikers von 1963, 13 Assassins, in die Hände gefallen und ich war überaus gespannt, ob ich 90 Minuten alberne Flugeinlagen oder Samurai-würdiges, realistisches Gemetzel erleben würde. Bis auf einen kleinen Schuss “Supernatural” (ich komme später dazu), wurde ich von derbem Realismus überrascht, den die Netzhaut erstmal wegstecken muss.

Da ich mal Iaido und Kendo gemacht habe, war 13 Assassins für mich ein willkommener Samurai-Nerd-Flick für Ex-Bambusschwert-Fuchtler und eine willkommene Pause von ulkigen “Fantasy-Eastern”.

schaut nicht so verdrießlich, ein wenig langweilige Meditation gehört eben auch zum Bushido…

Aber kurz zur Story:

Wir befinden uns im Jahre 1830 am Ende der Samurai-Ära. Der sadistische Herrscher und jüngere Bruder des Shogun, Naritsugu, vergewaltigt und tötet im Reich wie es ihm beliebt. Der davon nicht sonderlich begeisterte Samurai Shinzaemon sammelt 12 weitere Kämpfer um sich, um den Herrscher umzubringen, bevor dieser noch weitere Gräueltaten verrichten kann. In einem Dorf, welches sie in ein fallengespicktes Labyrinth verwandelt haben, legen sie dem Herrscher einen Hinterhalt. Doch leider besteht das Gefolge des grausamen Tyrannen nicht aus 70, sondern aus 200 Samurai. Ohne Angst zu sterben und einem klaren Ziel vor Augen wachsen die 13 Krieger jedoch über sich hinaus und verwandeln das Dorf in ein Chaos auf Feuer und Blut. Am Ende entscheidet ein Duell zwischen Shinzaemon und der Leibwache des Königs, Hanbei, über Sieg und Niederlage. Shinzaemon gewinnt durch einen Trick gegen seinen ehemaligen Freund und steht nun vor dem immer noch arroganten und der Welt entrückten Herrscher. Beide verwunden sich gegenseitig tödlich. Während Shinzaemon jedoch glücklich bei der Erfüllung seiner Mission sein Leben lässt, stirbt der König heulend und sich im Schlamm wälzend würdelos.

Wie bei fast jedem Eastern habe ich die wunderschöne Landschaft und die Architektur der alten Häuser und Tempel sehr genossen. Die Rollen der Charaktere sind alle sehr gut besetzt und der König, den es als Feindbild in Blei zu gießen gilt, ist herrlich emotionslos, arrogant und abgehoben. Allerdings war mir die filmische Hervorhebung seines perversen und dekadenten Machtmissbrauchs teilweise etwas zu dick aufgetragen.

So dürfen wir ihn bei verschiedenen sinnlosen Demonstrationen seiner grausamen Willkür beobachten, die sich in Erregung von Ekel und Abscheu gegenseitig zu übertrumpfen versuchen. So hackt er, einem Holzfäller gleich, einem Untergebenen mit 4 Schlägen den Kopf ab, tötet eine ganze hilflose Familie, nebst Kindern, mit Pfeil und Bogen oder schneidet einer Dienerin Hände und Füße ab. Ich verstehe die Wichtigkeit der Etablierung eines Feindbildes, um den Racheakt am Ende des Films umso befriedigender zu machen, doch hier wäre weniger mehr gewesen. Bloße Geschichten und Gerüchte über seine Grausamkeiten hätten ebenfalls ausgereicht. In der blutigen Endschlacht von 13 Kriegern gegen 200 Soldaten fließt noch genug Blut, um alle Gore-Fans zum Schweigen zu bringen.

da sind wohl nur wenige Augen trocken geblieben…

Apropos blutige Endschlacht: Dafür hat sich die Wartezeit in der ersten Hälfte des Films gelohnt. Der Kampf im Dorf ist so atemlos und intensiv, dass die geschickt ausweichenden und wieder zuschlagenden Samurai (Für Kenner: Bestes Hiraki-Ashi!) sich bald in wahnsinnige Forscher zu verwandeln scheinen, die mit ihren Buschmessern Gegner niederhauen wie störrisches Unterholz. Überall tanzt das blutbeschmierte Silber in den Gassen bis man glaubt den Geschmack von Blut auf der Zunge und dessen seltsam süßlichen Geruch in der Nase zu haben.

Die Endschlacht mit dem anschließenden Solo-Duell der beiden blutgetränkten “Haupt-Samurai” macht diesen Film wirklich sehenswert. Auch wenn ich ihm 2 Punkte abziehen muss: Erstens wegen der unnötigen Darstellung der Gewalt des Fürsten im ersten Teil des Films. Und zweitens, weil der Film teilweise in dieser Zeit auch etwas langatmig “erscheint”. Dabei zuzusehen, wie sich die 13 Krieger Mann für Mann zusammenraufen ist wie bei Titanic darauf zu warten, dass endlich der scheiss Kahn untergeht und die Action abgeht.

Schön fand ich auch die plakative, wenn auch etwas überzeichnete Darstellung, der Kluft zwischen Schwertkunst im Dojo und dem Gemetzel auf dem Schlachtfeld, sowie, analog dazu, die realistische Wahrnehmung des Krieges der Soldaten und die entrückte und romantisierte Wahrnehmung des verhätschelten Monarchen.

Einziger Stilbruch im Film scheint der 13. Samurai, Kiga, zu sein, welcher von den anderen 12 Kriegern im Wald aufgegabelt wird, wo er gegen “Bären und anderen Bestien der Wildnis” gekämpft hat. Er ist auch der einzige, der statt mit einem Katana mit allem kämpft was die Natur so her gibt: Mit Steinen, Ästen und den bloßen Fäusten. Während der blutigen Auseinandersetzung im Dorf scheint er jede Menge Spaß zu haben und besiegt seine Gegner mit Leichtigkeit. Dabei nennt er die Samurai stets “unangemessen arrogant”. Sein ganzes Gehabe erinnerte mich an eine Art Naturgeist, welche die Japaner, wie ich spätestens aus der Anime-Ausstellung weiß, gerne personifizieren und für unbesiegbar halten. Später scheint meine Vermutung unterstrichen zu werden, als Kiga, wie von meinem Kollegen Karsten schon vorweggenommen, einen scheinbar tödlichen Schwertstoß einfach überlebt. Und tatsächlich bestätigt ein kurzes Nachschlagen bei Wikipedia meine Vermutung:

Throughout the film, it is hinted that Kiga is not a human, as the woman he talks about, Upashi, is seen in a flashback eating raw meat by a pond, blood is shown trickling down her legs; and this may be due to her consumption of her unborn fetus, an act a demon would perform. The type of demon Upashi and Kiga are may not be evil, but rather like mountain spirits.

Rückblickend empfinde ich Kiga nun beinahe als wohltuende Prise des Übernatürlichen in einer realistischen Orgie der Gewalt, fast sowas wie der Rettungsanker des Regisseurs für allzu zart Besaitete. Oder eine Botschaft, dass trotz aller körperlicher Gewalt auf Erden, Dinge existieren, die der Mensch nicht begreifen kann. Eine Verkörperung des Zeichens, dass es unsterbliche Ideale gibt, für die es sich zu sterben lohnt. Wer weiß.

Fazit: 13 Assassins ist ein Film, der den nackten und blutigen Bushido zeigt: Von der Anmut eines sich verneigenden Schwertkämpfers, bis hin zum blutigen Wahnsinn der blinden Loyalität eines Samurai zu seinem Herrscher. Wenn am Ende von 13 Assassins nur noch ein Samurai steht, dann ist dieser blutbesudelte Krieger wirklich der letzte Samurai und nicht DAS LETZTE, wie ein zotteliger Tom Cruise in einer Rüstung, die ihm, im übertragenen Sinne, viel zu groß ist.

Allein wegen der Endschlacht ist 13 Assassins für Samurai-Fans eine klare Empfehlung!

Über Thilo (1143 Artikel)
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