Sterbt euch doch mal durch die Diebe des Drachendolchs

Rubik’s Cube, BMX und AD&D. Rocky, Rambo und Eis am Stiel. C64, Gameboy und Walkman. Michael Jackson, Madonna und Neue Deutsche Welle. MTV, MacGyver und Wetten, dass..?

Na, klingelt da was?

Spätestens bei Neonfarben, Karottenhosen und Vokuhila fällt bei den meisten der Groschen, mit dem sie sich einst Ahoibrause oder Leckmuscheln gekauft haben.

Oh no, jetzt verliert er sich wieder in langatmigen 80er-Schwärmereien.

Nein, keine Sorge, ich bin neulich nur über ein Relikt aus den 80ern gestolpert, das ich schon komplett verdrängt hatte: CYOA Books! (Choose Your Own Adventure Books)

Wie ich, kennen viele von euch vielleicht noch die Abenteuer-Spielbücher Einsamer Wolf, von denen in den 80ern 12 auf Deutsch erschienen sind.

Diese arbeiteten bereits mit Attributen, Würfeln und Kämpfen, sprich vereinfachten Pen-&-Paper-Rollenspiel-Regeln. Ian Livingstone und Steve Jackson hatten mit ihrer millionenfach verkauften Serie Fighting Fantasy dafür den Grundstein gelegt. Sie wollten damit das vergleichsweise komplexe Dungeons & Dragons einem breiteren Publikum zugänglich machen.

Doch abseits von Werten und Würfeln zeichnen sich die Choose Your Own Adventure-Bücher in erster Linie dadurch aus, dass sie interaktive Geschichten sind.

Und genau das ist für mich der große Charme daran. Ich schlüpfe in die Rolle des Protagonisten und kann mich immer wieder in der Geschichte entscheiden, wie ich vorgehen will.

Ich wusste gar nicht, dass im Zeitalter von Internet und Computerspielen überhaupt noch ein Markt für solche Bücher existiert. Die nostalgischen Gefühle einer Generation von Oldschool Nerds ist daran bestimmt nicht ganz unbeteiligt.

Doch gerade durch eBooks und Hyperlinks erleben die CYOAs gerade ein kleines Revival.

Und so kam es, dass ich über…

Dane Rahlmeyers Diebe des Drachendolchs

…gestolpert bin.

Im Rahmen seiner neuen Serie Monster & Magie knüpft er mit Diebe des Drachendolchs, im wahrsten Sinne des Wortes, an die Magie der alten CYOA-Bücher an.

Er nutzt jedoch keine Attributwerte, Inventar oder Würfel, sondern stützt sich komplett auf den Aspekt der sich verzweigenden Geschichte.

Ich habe das Buch nun zweimal gelesen, um neben vielen Toden auch zwei Haupterzählstränge und ihre siegreichen Enden zu erleben.

Ich muss sagen, dass der Reiz dieser Bücher immer noch funktioniert. Und durch das Auslassen des „Fighting Fantasy“-Aspekts, ist es simpel genug, dass es jeder einfach zur Hand nehmen und allerorts immer lesen, bzw. spielen kann. Ohne Würfel, Stifte oder Blätter.

Natürlich gibt es immer und häufig die Gelegenheit frühzeitig den verzauberten Löffel abzugeben. Doch Nostalgiker, wie ich, erkennen darin den Geist der 80er – mit ihren knallharten Actionfilmen, knüppelharten Videospielen und Rollenspielen mit SAVE or DIE-Mechanik.

Der Nervenkitzel des verfrühten Ablebens gehört einfach zu den CYOAs dazu. Besonders, weil man nie sicher sein kann, ob eine scheinbar „vernünftige Entscheidung“ durch die Laune des Autors nicht doch im Verderben endet. Andererseits kann so manche haarsträubende Entscheidung überraschend zum Sieg führen. So mag ich Spielbücher!

Dane macht auf diesem Gebiet das meiste richtig.

Diebe des Drachendolchs ist zudem sehr gut geschrieben und baut eine dichte Atmosphäre auf.

Durch Diebesbanden, dunkle Wälder und jede Menge Mystik entstand für mich ein ähnlicher Flair, wie ihn auch klassische Schauerromane (Gothic Novels) geliefert haben. Natürlich trotzdem mit einer Prise Trash und Augenzwinkern gewürzt, wie sie bei Spielbüchern üblich ist.

Hinzu kommt, dass Dane beim Selfpublishing einen wirklich professionellen Weg gegangen ist. Das Cover ist perfekt! Es fängt wunderbar die First Person-Perspektive ein, die der Spieler bei seinen Entscheidungen einnimmt und kommt gleichzeitig schön Oldschool rüber. Die stimmungsvollen Illustrationen im Buch (siehe oben) tun dabei ihr übriges.

Und immer wenn ihr am Ende des Textes so ein Symbol erblickt, wisst ihr, dass eure letzte Entscheidung „bescheiden“ war…

Damit kommen wir auch schon zu den einzigen beiden Kritikpunkten, die ich zu Diebe des Drachendolchs hätte:

  1. Es kam für mich zu häufig vor, dass der Text für eine der Auswahlmöglichkeiten gleich auf der gegenüberliegenden Seite zu finden war. Und da Danes „Todes-Texte“ am Ende mit einem Totenkopf gekennzeichnet sind, kommt man als Leser kaum umhin versehentlich rüber zu schielen (oder es im Augenwinkel wahrzunehmen) und eine weniger tödliche Möglichkeit zu wählen. Auf diese Weise zum „Fuschen“ gezwungen zu werden, kann der Spannung natürlich abträglich sein. Wenn ihr das Buch also lest: Augen geradeaus und Tunnelblick! 😉
  2. Außerdem gab es eine unnötige Sackgasse, bei der alle Auswahlmöglichkeiten in den Tod geführt haben. Ansonsten gab es im Buch immer die Möglichkeit zum „Rückzug“ zu einem vorherigen Punkt, um sich an einer früheren Verzweigung nochmal anders zu entscheiden.

Ich habe bereits mit dem sehr sympathischen Dane darüber gesprochen und er ist sich dieser winzigen Mängel bewusst. Da dies sein erstes Spielbuch ist, das er ohne vorherige Rollenspiel-Kenntnisse geschrieben hat, ist das wohl zu verzeihen.

Letztlich macht es trotzdem viel Spaß und versetzt mich zurück in das goldene Zeitalter solcher Bücher.

Und als CYOA-Fan und langjähriger Dungeon Master ist für mich die Mission nun klar:

Ich werde ein eigenes Spielbuch schreiben.

Bis das jedoch in ein paar Monaten fertig ist, könnt ihr euch mit Dane Rahlmeyers Diebe des Drachendolchs trösten: Auf Amazon anschauen. (Partner-Link)

Über Thilo (1891 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.