Obsession – ich soll diesen Film lieben

© Universal Pictures
9 von 10 One-Wish-Willows
Was macht das Leben lebenswert?
Genau! Ich bin stolz auf euch spirituell-erwachten Supermönche!
Natürlich der Zufall, bzw. jeden Tag aufzustehen und nicht zu wissen, was der neue Tag bringt.
Kein Witz: Wenn ich Gott wäre, würde ich mich ziemlich schnell in meiner Allmacht und Allwissenheit langweilen. Dann würde ich mich selbst beschränken und in viele kleine Wesen aufspalten, die sich alle gegenseitig überraschen können.
Denn es gibt doch nichts Spannenderes als nicht zu wissen, was dein Gegenüber fühlen, sagen oder tun wird. Genau DAS macht es lebendig.
Wenn du jedoch weißt und steuern kannst, wie dein Gegenüber reagieren wird, dann hast du keinen Menschen vor dir, sondern einen Roboter. Noch nicht mal! Eher eine seelenlose Plastikpuppe. Eine Sex Doll.
Und dass die keinen Spaß machen, wissen wir alle. Also… habe ich gehört…
Trotzdem kann Bear, der stoffelige und Eier-lose Musikladen-Angestellte nicht widerstehen göttliche Macht zu benutzen, um genau das zu bekommen, was er will.
Tja, das passiert eben, wenn man von etwas besessen ist. Oder von jemandem.
Obsession: Alte Idee, frischer Horror

© Universal Pictures
Das “Careful what you wish for”-Konzept von Obsession und seine Monkey Paw-Thematik sind nicht neu.
Filmemacher und YouTuber Curry Barker, der für seinen Comedy-Channel “that’s a bad idea” bekannt ist, schafft es trotzdem den Geistern, die er rief, neues Leben einzuhauchen.
Oberflächlich betrachtet sind Story und Bedeutung des Films simpel: Ein Stoffel vergöttert seine Kollegin Nikki, bekommt es aber nicht gebacken ihr seinen heftigen Crush zu gestehen. Darum kauft er in einem Esoterik-Laden ein Wunschholz, das er benutzt, um Nikki vor Liebe zu ihm entbrennen zu lassen. Doch durch die magisch erzwungene Obsession geht nicht nur Nikkis Herz in Flammen auf, sondern auch Bears ganzes Leben.
Bei näherem Hinsehen wird schnell klar, dass die namensgebende Obsession nicht bei Nikki, sondern bei Bear liegt. Denn im Verlauf des teilweise deftigen Horrorfilms versucht immer wieder die alte Nikki zu Bear durchzubrechen und bittet ihn, mal mehr mal weniger offensichtlich, alles zu beenden. Doch dazu hat der Besessene nicht den Mumm.
Obsession ist einer dieser Filme, genau wie Backrooms, die noch lange auf der Netzhaut bleiben und zu denen mir ständig neue Bedeutungsebenen einfallen.
Das ist dem hohen Grad an Detailverliebtheit geschuldet, mit dem der Regisseur jede Szene des Films gestaltet hat.
Nichts von dem, was wir sehen und was die Charaktere sagen, ist Zufall. Jeder Hinweis und jede Reaktion beleuchten einen Charakterzug oder deuten auf zukünftige Ereignisse voraus.
Ich glaube, dass sogar die Namen der Protagonisten Nicki und Bear ganz bewusst gewählt wurden. Vielleicht um auf diese virale Internet-Diskussion anzuspielen, ob eine Frau lieber mit einem Mann oder einem Bären im Wald allein wäre…
Obsession: Ein moderner Frankenstein?

© Universal Pictures
Bei Mary Shelleys gesellschaftskritischer Gothic Novel geht es um einen Schöpfer, der seine Schöpfung im Stich lässt. In seiner Hybris Gott spielen zu wollen, wird er damit zu einem Teufel.
Ähnlich verhält es sich auch mit Bear.
Er kann schon nicht für seine Katze sorgen, die auf ihn angewiesen ist… lässt seine Schlaftabletten rumstehen und tötet sie damit fahrlässig.
Und natürlich kann er sich noch weniger um Nikki kümmern, die er in eine emotional von ihm abhängige Fleischpuppe verwandelt. Der Typ in der One Wish Willow-Hotline sagt ihm sogar, dass er nun die Verantwortung für die neu geschaffene “Freaky” Nikki trägt. Nur hat er nicht die Eier sich dieser neuen Verantwortung zu stellen – noch nicht mal, als er sie symbolisch als Mut-spendenden Katzenauge-Stein von Nikki geschenkt bekommt…
Der wahre Horror des Films ist nicht der langsam immer mehr durchdrehende weibliche Golem, sondern das unreife und egoistische Verhalten von Bear.
Dass dieser Psychopath Nikki einmal erzählt, dass er Restaurantkritiker werden will, damit er ohne zu bezahlen einfach geile Gerichte serviert bekommt, passt zu ihm wie die Faust aufs Auge. Er will einfach nur das Endergebnis, ohne Mühe oder Verantwortung
Was für ein Lauch.
Auch, wenn ich ihn mit einem Blick auf Nikki ein wenig verstehen kann.
Inde Navarrette ist einfach eine unglaublich hübsche Frau.
Noch unglaublicher sind jedoch ihre Oscar-verdächtigen Schauspielkünste.
Neben ein paar Jump Scares und Splatter-Szenen, ist es in erster Linie ihre Verkörperung der fremdgesteuerten Nikki, die die gesamte Horroratmosphäre trägt.
Beide Schauspieler, sowohl Inde Navarrette als auch Michael Johnston, machen einen phänomenalen Job.
Es wundert mich nicht, dass Obsession zum aktuellen Zeitpunkt bei einem Budget von 750.000 Dollar schon mehr als das 500-fache wieder eingespielt hat.
Wenn man mit Horror bzw. Fantasy-Horror was anfangen kann, dann sind Backrooms und Obsession die beiden Filme, die man dieses Jahr gesehen haben muss.





