Poor Things ist deftiger und witziger Gothic Horror

© Searchlight Pictures

10 von 10 Pastel de Natas

Leider gerade keine Zeit einen ausufernden Artikel zu schreiben. Daher nur eine kurze Lobeshymne und dringende Empfehlung:

„Poor Things“ mit Emma Stone, die für ihre Rolle ziemlich sicher einen Orgasmus, Entschuldigung, Oskar bekommen wird.

Diese von Frankenstein inspirierte Geschichte ist sicher mehr Arthouse als Popcornkino, aber mindestens so unterhaltsam wie letzteres.

Und obwohl viele philosophische Themen nur angerissen werden, bleibt am Ende, ähnlich wie bei Mary Shellys Frankenstein, doch eine sehr schöne und prägnante Botschaft übrig. Wenn man sie denn erkennen will oder kann.

Gleichzeitig erschlägt, verwirrt und begeistert die Optik des Films (ebenso die Musik!). Die Welt scheint dem Zuschauer durch die Augen der wunderschönen und infantilen Bella Baxter gezeigt zu werden und verändert sich dementsprechend im Verlauf des Films. Herrlich wie schwarzweiße Fisheye-Optik und kitschiges Übersaturieren hier Hand in Hand gehen können, den ständigen Balanceakt zwischen Gefühl und Verstand in Bilder zu zwingen scheinen. Nur darüber ließen sich Romane schreiben.

Der Umgang mit Nacktheit und Lust hat mich in dieser Menge überrascht, passt aber perfekt in die Story. Emma Stone-Fans werden häufig unkontrolliert in die Dunkelheit des Kinos stöhnen und sich dann peinlich berührt zusammenreißen (Hust, ich rede über einen Freund). Andere werden es vielleicht too much finden. Wahnsinn, was Miss Stone da aus sich rausgeholt hat, mental und körperlich.

Ebenfalls erwähnenswert sind die, stoff-bedingt, deftigen Gothic Horror-Szenen, die mich haben vor Glück jauchzen lassen, zartere Gemüter aber vielleicht verstören könnten. Allein die „Genese“ von Bella ist nicht leicht zu verdauen…

Dieser Film hat so vieles, was nach Rewatch schreit. Allem voran natürlich die Schauspielleistung von Emma Stone. Dicht gefolgt von der des liebeskranken Mark Ruffalo oder der des scheußlich-schön entstellten Willem Dafoe. Das letzterer den Namen Godwin trägt (Mary Shelleys Vater) und von Bella nur mit God abgekürzt wird, ist sicher kein Zufall.

Und trotz aller gesellschaftskritischer Tiefe, heftiger Nacktszenen und bluttriefender Frankenstein-Hommage schafft es Regisseur Giorgos Lanthimos mich immer wieder durch seinen geschickt platzierten Humor laut auflachen zu lassen. Bemerkenswert.

Natürlich ist die letzte Szene im Garten eine feuchte radikalfeministische Fantasie, die mich unter anderen Umständen sicher wegen ihrer einseitigen Darstellung der Wirklichkeit getriggered hätte. Doch weil Poor Things das alles so organisch im Verlauf der Handlung wachsen lässt, fühlt es sich absolut stimmig und schön an. Äußerst bemerkenswert.

Ich könnte mich jetzt noch weiter in diesem Film verlieren, von dessen Protagonistin ich heute Nacht geträumt habe (träumen musste), doch es würde vermutlich in inkohärentem Gebrabbel enden.

Diesen Film kann man nicht in einem profanen Nerd-Blog besprechen, er sollte eher in Seminaren analysiert werden.

Natürlich könnte ich dem Kunstwerk einen Punkt abziehen, weil in der Laufzeit durchaus hier und da hätte kompakter erzählt werden können. Da ich mich aber keine Sekunde gelangweilt habe, gibt es von mir die seltenen 10 von 10 bluttriefenden Körperteile.

Über Thilo (1198 Artikel)
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