#WirLiebenBlogs – Ach ja? Wer ist denn „WIR“?

Die Blogosphäre ist tot.

Eingegangen wie ein gescheitertes Bio-Experiment. Wo einst auf einer paradiesischen Alm junge Blogs emporsprossen wie Gänseblümchen auf Speed, erstreckt sich nur noch verbrannte Ödnis, soweit das Auge reicht. Da! Am Wegesrand schiebt ein Blogger sein Baby über den Rand der Klippe. Dann springt er selbst hinterher. Mach‘s gut, mein Lieber.

Und auch, wenn ich natürlich maßlos übertreibe, ist dieses Bild näher an der Wahrheit dran, als mir behagt. Wer dieser Tage noch Reichweite, Kommentare und vielleicht sogar Geld mit seinem Hobby generieren möchte, ist gut beraten auf Youtube auszuweichen. Die Menschen möchten nur noch mit leicht verdaulichen Memes, Pseudo-Lebensweisheiten, Titten oder kurzen Videos gefüttert werden; wie ent-hirnte Legehennen im Stall der digitalen Apokalypse.

Eine weitere Möglichkeit für seine Bemühungen auch entlohnt zu werden, stellt nur das „Ami-Modell“ dar. Nischenthema finden, Expertenrang ergattern, gleichzeitig per Newsletter eine Kundenliste aufbauen, ein digitales „so kannst Du in 5 einfachen Schritten Deine Unterhose wechseln“-Produkt entwickeln und dieses am Ende an Deine Liste verkaufen. Und selbst, wenn man so ein Blog-Baby aus dem Boden gestampft hat, muss es noch über FB, YT und andere Kanäle verbreitet werden. Dann kann man auch gleich auf so einer Plattform starten, oder?

Das Nerd Wiki im Zeitalter von Trump, DSGVO und schwindender Lebenszeit

Ja, ihr merkt schon, so richtig geil finde ich den Ist-Zustand auch nicht. Schlimm zu sehen, wie die Reste der Blogosphäre so vor sich hin röcheln. Vorbei die Goldgräber-Zeiten, in denen man einfach einen Blog gründen und sogar etwas Geld damit verdienen konnte.

Und mir geht es ja auch nicht anders. Allein meine Liebe zum gelegentlichen „Tagebuch über Schwachsinn führen“ hat das Nerd Wiki so lange über der Wasseroberfläche gehalten. Und während andere entnervt das Handtuch schmeißen, blogge ich stoisch weiter vor mich hin, wenn auch seltener als zuvor.

Aber ein Stück weit finde ich das auch gut so. Denn ich wollte schon seit Jahren weg von Newshäppchen, Reblogging und Link-Schleudern – nicht, dass ich das jemals übertrieben hätte – und hin zu echten Artikeln mit Herzblut, individueller Weltsicht und einer gewissen „Uniqueness“. Denn dieser Sumpf aus Random News Portalen, Aggregatoren und dreistesten Scrapern fand ich schon immer grauenvoll. Sowas ist der Abschaum am Rand der Kläranlage. Sowas gehört eher ins Darknet.

Doch nicht nur das Raffinieren meiner Beiträge hat dafür gesorgt, dass hier nicht von morgens bis abends der Kessel zischt wie bei Merlins Bachelorparty.

Das Private fordert natürlich auch seinen Tribut. Schon seit Jahren versuche ich mich job- und berufungs-mäßig zu finden. Arbeite, verdiene sogar viel Geld damit, stehe jedoch schon lange nicht mehr mit einem Lächeln morgens auf. Was ist es dann noch wert, wenn ich meine Lebenszeit gegen Geld tausche?

Hinzu kommen Freunde, Hobbys und ein fast dreijähriger, der mich morgens wach ohrfeigt, damit ich mit ihm Duplohäuser baue. Da kann und will ich nicht mehr über jeden kleinen Nerd-Orgasmus schreiben, den das Netz scheinbar im Sekundentakt rausejakuliert.

Und wenn man gerade beim Bloggen einen neuen Takt und neue Ideen gefunden hat wird man plötzlich daran erinnert, dass das von Internet-Ahnungslosen entwickelte Damoklesschwert „DSGVO“ bald runtersausen und vermutlich einige schlecht vorbereitete Miniseiten und Blogs enthaupten wird. Na SUPI! Besonders, weil es da ja schon sehr lange hängt und von uns allen ignoriert wurde. Was aber durchaus nachvollziehbar sein dürfte, denn a) hat ja bis zum bitteren Ende jeder geglaubt, dass die Politik das Netz bestimmt nicht NOCH nazihafter und userfeindlicher machen wird und b) haben wir auch alle im Alltag Wichtigeres zu tun, als uns mit dem undurchsichtigen und verklausulierten DSGVO-BULLSHIT zu befassen und dabei von einem Kotzkrampf zum nächsten zu taumeln.

#WirLiebenBlogs: “Make Blogosphere great again!”

Doch gerade weil es so trübe und kalt aussieht mit der Welt der Blogger, bekomme ich warme Gefühle bei der Aktion #WirLiebenBlogs.

Ähnlich wie bei Vorgänger-Aktionen wie Ein Herz für Blogs, Blogger for Presidents oder Blowjobs für Blogger zielt auch #WirLiebenBlogs darauf ab, dass sich die wenigen Überlebenden der Apokalypse gegenseitig verlinken und so neue Blogs entdeckt werden können.

Denn WIR lieben Blogs!

Nur warum habe ich das Gefühl, dass das nur die Blogger selber sagen?

Ist ja schön, wenn wir uns alle (nochmal) gegenseitig verlinken und dabei sogar noch ein paar neue Blogs mit auf die untergehende Arche nehmen, aber wird man uns dann nicht trotzdem irgendwann zusammen auf eine einsame Insel bringen, zusammen mit Dr. Moreaus Tiermenschen und anderen Randgruppen, die keiner mehr in der Zivilisation haben wollte?

Naja, aber ich will ja hier auch nicht nur negativ sein und finde den Grundgedanken solcher Aktionen ja auch sehr gut. Darum mache ich ja auch mit. Im schlechtesten Fall lernt man dabei ein paar wirklich lesenswerte neue Seiten kennen (auch wenn die Blogger ja durch die Arbeit am eigenen Blog meist selbst am wenigsten andere Blogs lesen…) und im besten Fall sorgt es wirklich für einen gewissen Aufwind.

Würde ja schon reichen, wenn wir Blogger selbst bei anderen Blogs mehr Lesen UND Kommentieren würden, damit andere auch die nötige Motivations-Injektion bekommen, um mit ihrem Hobby weiter zu machen.

Und letztlich heiße ich jede Aktion gut, die die Menschen weg von den alles auffressenden Social Media-Kolossen wie FB und wieder mehr auf kleine Privatgrundstücke bringt.

3 Empfehlungen vom Nerd Wiki

Ich gebe zu, dass ich erstmal googeln musste, um neue geile Blogs zu finden. Denn es macht ja wenig Sinn, wenn ich einfach noch mal meine Blogroll verlinke.

Eigentlich könnte ich fast jeden Blog aus der Teilnehmerliste der RSP-Blogs empfehlen. Da lese ich häufiger mal so kreuz und quer, ohne jedoch einen oder zwei Hauptanlaufpunkte zu haben. Ist aber natürlich nur für Pen & Paper-Spieler interessant.

Ansonsten möchte ich diese 3 Perlen ans Herz legen, von denen ich die letzten beiden neu entdeckt und nun häufiger mal besuchen werde.

Die Nerdfee

Sophie benötigt eigentlich keine Reklame. Wieviel Zuspruch und Fans diese Frau jeden Tag bekommt ist beinahe ekelerregend. Ich habe sie schon persönlich kennen gelernt und auch schon Bier mit ihr getrunken. Sie ist so eine Art weiblicher Till Eulenspiegel: Sie trinkt und tanzt und lacht sich durchs Leben. Kaum einer von uns wird je so frei sein wie sie. Sie schreibt nicht viel für ihre „Glitzerseelen“, aber dafür nur, was sie wirklich bewegt. Ihr Blog ist sträflich unterbesucht, weil sich alles auf ihrer FB-Seite abspielt. Aber da ist liken, teilen und kommentieren eben auch deutlich leichter. Seufz.

Lost Levels

Lost Levels ist ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener Autoren, die sich im Reich der Computerspiele in erster Linie sonst schwer zu entdeckende Indie Games zur Brust nehmen. Das kommt mir wirklich sehr entgegen, gerade weil ja die ganze #WirLiebenBlogs-Aktion ebenfalls darauf abzielt im Mainstream mehr unbekannte Indie-Perlen zu entdecken. Doch gerade im Spiele-Sektor bin ich ja schon lange ein Fan von Retro- und Indie-Games. Hinzu kommt, dass ich für Triple-A-Games, wie zeitaufwändige Open World-RPGs eigentlich kaum noch Zeit habe. Da gönne ich mir lieber ab und an sehr nischige und einzigartige, kleine Spiel-Erfahrungen, die mich im Zweifel aber mehr berühren als GTA 25. Lost Levels scheint dafür ein guter Tipp-Geber zu sein.

Life in Japan is strange

Ich war schon immer Japan-Fan und es ist wirklich eine Schande, dass ich es immer noch nicht dorthin geschafft habe. Ich könnte jetzt so klischeehafte Dinge sagen wie „ich esse gerne Sushi und finde, dass die Tempel bei denen lustig aussehen“. Doch der Fanatismus geht bei mir schon ein wenig tiefer. Mit Ninja- und Samurai-Filmen aufgewachsen, habe ich immerhin einige Kyu-Grade im Kendo errungen und träume mindestens einmal die Woche nachts von Godzilla. Und tagsüber. Aber mal ernsthaft: Die japanische Kultur ist genauso verstörend wie faszinierend. Und glücklicherweise habe ich nun durch Zufall Eli ergoogelt, die seit 2011 in Tokyo wohnt, Gamerin ist, und mir dann in Zukunft Insider Infos liefern kann. ^_^

Über Thilo (1719 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

5 Kommentare zu #WirLiebenBlogs – Ach ja? Wer ist denn „WIR“?

  1. Solch ein Rant war wohl überfällig. Ich habe schon befürchtet, du kündigst damit nun deinen Ausstieg an und hängst das Bloggen komplett an den Nagel. Freut mich, dass es nicht so gekommen ist.

  2. Das nennst Du RANT? Dann solltest Du mal einen Rant von mir lesen. Einfach „Last Jedi“ auf der Seite suchen… 😉

  3. Heyas Thilo,

    ein wirklich gut geschriebener Artikel, der trotz der Ernsthaftigkeit des Themas leicht daher kommt und gut zu lesen ist!
    Ich habe nun schon des Öfteren vom Bloggersterben und von einer Veränderung des Konsumverhaltens hin zum Leichtberieseln durch Youtube-Videos gelesen und mich immer wieder gefragt, wieso das so ist. Ich mag Youtube-Videos auch, keine Frage – aber das abendliche Schmökern in Blogs können sie für mich nicht ersetzen. Ich finde, Blogs haben eine ganz bestimmte Atmosphäre, einen ganz bestimmten Klang und Reiz, den kein anderes Medium aufgreifen kann. Es ist ein bisschen wie ein Crossover aus Tagebuch, Roman, interaktivem Game und persönlicher Kommunikation. Ich habe immer das Gefühl, ganz nah dabei zu sein, dem Blogger über die Schulter zu schauen und mich dennoch für mich und in meinem eigenen Tempo dem Thema widmen zu können. Mein Kopf betont die Worte und ich werde weder durch eine schrille Stimme noch durch einen starken Dialekt, einen zähen Redefluss oder was auch immer mich nerven könnte, gestört. Alles perfekt – wenn der Inhalt stimmt. Ich liebe Blogs.

    Meinen eigenen Rollenspielblog habe ich erst vor einem Monat gegründet und nun lese ich auf Deinem Blog vom Bloggersterben. Dass mir das gar nicht behagt, kannst Du Dir sicher vorstellen. Aber irgendwie entfachen Deine Worte auch meinen Ehrgeiz! Ich möchte zum Erhalt der Blogs beitragen und ich möchte mithelfen, das Internet mit gutem Content zu füllen, damit Leser*Innen auch weiterhin tolle Artikel lesen und genießen können.
    Ich arbeite jedenfalls schon höchst fleißig daran, dass die Blogger-Community mit neuen Beiträgen versorgt wird 😉

    Rollenspielerische Grüße
    Janine von spielleiter-wissen.de

    • Oh wow, Deine Worte im Mittelteil darüber, wie Du Blogs wahrnimmst und welche Nische sie für Dich füllen, waren wirklich weise und inspirierend. Danke dafür! Es ist ja eher selten, dass jemand so lang kommentiert und dabei auch noch nett und konstruktiv ist. I like you (and your blog) already. 🙂

      Und überhaupt habe ich ganz vergessen zu erwähnen, dass das Bloggersterben, egal, welche Ausmasse es wirklich hat, ja auch sein Gutes hat. Das klingt jetzt härter, als es gemeint ist, aber: Die Spreu trennt sich vom Weizen. Umso mehr Blogs aufgeben, desto wertvoller werden die, die übrig bleiben. Insofern lässt sich ja auch jeder Notlage etwas Positives abgewinnen. 😉

  4. Es ist leider wahr, selbst bei mir, einem textaffinen Menschen, der durch Blogs und Foren internetsozialisiert wurde, sind die Zeiten des Feedreaders auf dem PC lange vorbei. Von den 30+ Blogs, welche ich regelmäßig verfolgte, bin ich auf 3 gesunken. Statt in 3 Foren aktiv zu schreiben und in einem zu moderieren besuche ich gar keines mehr. Ich habe vor einiger Zeit einen Aufsatz verfasst, in dem ich mich mit Sprache im Web 2.0 beschäftigt habe. Im Großen und Ganzen ist mit dem Ausbau des Internets die Bedeutung des Mediums „Text“ immer weiter gesunken. Solange es interessante Artikel gibt, werde ich weiterhin Blogs lesen, doch ich befürchte, dass diese Zeiten irgendwann enden werden. Ob das etwas schlechtes ist, sei einmal dahingestellt, denn bisher war das Internet immer für eines gut. Etwas Neues.

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