Nolans Odyssee ist ein spiritueller Horrortrip

© Universal Pictures
8 von 10 mythologischen Monstern (Nicht-IMAX-Version!)
Kann Christopher Nolan überhaupt schlechte Filme machen?
Wenn wir das Internet befragen, lautet die Antwort ganz klar: Nein.
Selbst seine drei schlechtesten Filme hätten nach meiner Bewertungsskala immer noch 7 von 10 Punkten. Was der obere Rand überdurchschnittlicher Filme ist.
Düster, dramatisch und full of BRAAAAAHM, sind Nolans Werke trotzdem nicht jedermanns Sache.
Für die Darstellung von Homers Odyssee bietet Nolans Handschrift jedoch einen sehr fruchtbaren Boden. Oder sollte ich lieber sagen: FURCHTBAREN Boden? (hahaha, GENIUS-LEVEL-WORDPLAY)
Wenn man auf Dark- bzw. Horror-Fantasy steht, wie ich, und dazu vielleicht gerade noch die D&D-Kampagne Fluch des Strahd leitet (auch wie ich), dann sind Odysseus’ Abenteuer einfach ein geiler Horrortrip.
Zumindest, wenn man Christopher Nolan die Zügel in die Hand gibt.
Ich will nicht zu viel verraten, aber wie er einige Monster und Gefahren der Odyssee darstellt, ist schon sehr… intensiv.
Da ist man in der Höhle des Zyklopen mittendrin statt nur dabei.
Da zuckt man bei jedem Opfer, das Skylla fordert, zusammen.
Da spürt man den Zauber von Circe auf einem Level, der heftigerer Body-Horror kaum sein könnte.
BRAAAAAHM-Gänsehaut inklusive.
Doch noch etwas, hat mich bei Nolans Irrfahrten des Odysseus positiv überrascht hat:
Das Gesetzt des Zeus
Vordergründig ist das Gesetzt des Zeus einfach ‘nur’ das Gebot der Gastfreundschaft, nach dem man Fremde freundlich aufnehmen und ihnen Nahrung, Unterkunft und Schutz gewähren sollte. Und all das, noch bevor man nach ihrem Namen oder ihrer Herkunft fragt.
So weit so herzerwärmend genug.
Doch, wer Nolans Filme etwas tiefer analysiert, ahnt schon, dass der Regisseur hier noch weiter geht.
Hinter dem Gesetzt steht die uralte Vorstellung, dass jeder Fremde (ein) Gott in Verkleidung sein könnte.
Man sollte sich deshalb also zweimal überlegen, wem man Suppe ins Gesicht spuckt…
Oder, im Fall der Odyssee… wen man einen Bogen spannen lässt…
So ist Gastfreundschaft nicht nur soziale Höflichkeit, sondern eine Prüfung für die eigene Menschlichkeit. Wenn jeder einen göttlichen Funken in sich trägt, dann ist Gastfreundschaft, die man auch Nächstenliebe oder Humanitas nennen könnte, das natürliche höchste Gebot, das ein friedliches Zusammenleben ermöglicht.
Durch das Gesetz des Zeus bekommt Odysseuss Reise eine ganz neue Schwere und Dramatik.
Denn durch das Geschenk des Trojanischen Pferds, das in eine Waffe verwandelt wird, besudelt Odysseus die heilige Gastfreundschaft und begeht dadurch die ultimative Sünde. Eine Sünde, für die er jahrelang büßen muss, bevor er endlich wieder zu seiner Familie zurückkehren darf.
Warum ich dem Meisterwerk 2 Punkte abziehe
Zunächst mal wegen der Optik.
Nolan wird hier, ironischer Weise, sein eigener Anspruch zum Verhängnis. Er hat den gesamten Film im IMAX-Format gedreht, was wohl bisher wegen der riesigen, krachmachenden Kameras noch nie gemacht wurde und extrem aufwändig ist. Das Ergebnis sollen epochale Bilder auf einem gigantischen Bildformat sein.
Wenn man es denn sehen könnte.
Doch leider sieht man als Zuschauer auf einer normalen Kinoleinwand faktisch nur die Hälfte des Films. Oben und unten ist ein dicker Streifen weggeschnitten und das merkt man.
Nach den ersten zehn Minuten hätte ich fast empört das Kino verlassen, weil in die vielen Nahaufnahmen ständig Helme und Köpfe halb angeschnitten wurden.
Ich hatte immer das Gefühl, ein paar Schritte rückwärtsgehen zu wollen, um einen besseren Überblick über die Szene zu haben.
Glücklicherweise gewöhnt man sich mit der Zeit ja bekannter Maßen an alles und in einigen Landschafts-Shots fällt es auch nicht so stark auf. Dennoch muss ich dem Film für diesen “Fehler” mindestens einen Punkt abziehen.
Ich bin mir sicher, dass der Film auf IMAX-Größe deutlich imposanter wirkt und seine berechtigten 9 von 10 Punkten von mir bekäme. Doch leider habe ich gerade weder Zeit noch Geld, um mal eben nach Prag oder London zu jetten, um ihn dort so zu sehen, wie ihn der Regisseur ersonnen hat.
Aber wo ist der letzte Punkt verloren gegangen?
Tatsächlich durch…
Das Casting und Nolans verschachtele Erzählweise
Die vielen Rückblenden und die non-lineare Struktur funktionieren hervorragend und bringen seine Message rüber, haben aber in einigen Szenen für mich persönlich zur Langatmigkeit geführt.
Hinzu kommen einige Casting-Entscheidungen, die zwar Geschmackssache sind, für mich jedoch unverständlich waren.
Zendaya ist nicht Athene. Sorry, aber die Freundin von Spiderman besitzt für mich nicht die nötige Gravitas, um eine Göttin rüberzubringen. Muss Zendaya denn wirklich in jedem Film vorkommen? Also, wirklich IN JEDEM?
Genau wie Samantha Morton für mich keine gute Circe abgibt. Wobei ich das in diesem Fall rein äußerlich meine. Die Zauberin, die als wunderschön beschrieben wird und deren Name ja schon das Bezirzen ihrer Opfer nahezulegen scheint, sollte auch so gecasted sein.
Dafür machen Matt Damon als Odysseus, Tom Holland als Telemachos und Anne Hathaway als Penelope alle einen mehr als soliden Job. Zwar wird Matt Damon seit Team America für mich in jeder Rolle immer MATT DAMON!!! Sein, aber für Odysseus hats dennoch gereicht…
Auch Lupita Nyong’o gibt eine starke Helena ab. Auch, wenn sie in der Literatur als hellhäutig beschrieben wird, tut das in einem Film voller Griechen, die von keinerlei Griechen gespielt werden, wenig zur Sache. Um sich über das Diversity-Casting aufzuregen, ist ihre Rolle auch einfach viel zu klein.
Genial gespielt hat für mich Robert Pattinson als Antinoos. Seinen Hass, Neid und Niedertracht konnte ich bis in mein Popcorn spüren. Vielleicht habe ich es deshalb zur Sicherheit so schnell weg gemampft.
Unterm Strich fand ich ca. die Hälfte des Casts fehlbesetzt.
Vielleicht hätte es auch geholfen, wenn Nolan mal nicht ganz Hollywood aufgefahren hätte. Ich bin mir sicher, dass es viele unentdeckte oder zumindest weniger bekannte B-List-Actors gibt, die Charisma versprühen und durch ihre frischen Gesichter für mehr Mystik in einem Film über eine vergessene Zeit gesorgt hätten…
Insgesamt ist Die Odyssee ein typisches Christopher Nolan-“Brett”, das man, besonders als Fan von Fantasy- und mythologischen Sagenwelten gesehen haben sollte.
Er ist (für mich) kein perfektes Meisterwerk, aber dennoch meisterlich gemacht.



