The Boys: Wenn der Justice League der Kompressor wegfliegt

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 „Aus großer Macht folgt große Verantwortung“ wurde der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft von ihrem Onkel eingebläut. Und weil ihm der Knacker zu Lebzeiten immer so leckere Schnittchen geschmiert hat, macht Spiderman diesen Spruch zu seiner heiligsten Maxime. Ätzender ist nur Captain America, der das alles auch noch freiwillig macht und als lebende Amerikaflagge für Recht und Ordnung eintritt. Seine moralische Makellosigkeit verursacht dabei fast so heftigen Brechreiz wie die blauen Augen unter seinem perfekt gekämmten Scheitel. Und hört mir auf mit Superman! Die arme Wurst darf überhaupt keinen Spaß haben. Der darf noch nicht mal lügen. Sonst fällt ihm der Schniedel ab.

Wenn euch bei Superhelden, die perfekte Schiegersöhne oder-Töchter wären, auch die Galle hochkommt, dann müsste The Boys was für euch sein.

Der Preacher-Erfinder Garth Ennis liefert mit seiner bitterbösen Justice League-Persiflage eine erfrischende Antithese zum moralisch integren Marvel-Helden. Ich habe mich lange nicht mehr so unanständig amüsiert.

Die Comicverfilmungspielt in einer Welt, in der ca. 200 verschieden starke Superhelden durch die Landschaft turnen und ständig in den Medien sind. Diese „Supes“ werden wie Rockstars gefeiert, vermarktet und von mächtigen Konzernen kontrolliert. Dabei dreht sich alles so sehr um Macht, Ansehen und Geld, dass die eigentliche Verbrechensbekämpfung in den Hintergrund rückt. Im Gegenteil: Die korrupten Superhelden verursachen auch noch üble Kollateralschäden, die dann vertuscht werden. So bildet sich aus Angehörigen solcher „Kollateralschäden“ ganz natürlich eine Guerilla-Truppe, die sich „The Boys“ nennen und versuchen die amoralischen Supes unschädlich zu machen.

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Und mit dieser Story und seiner Umsetzung hat Garth Ennis sein Versprechen „to out-preacher Preacher“ mehr als eingelöst. Es ist eine Wonne den Superhelden zuzuschauen, die nicht nur durch Ruhm und Reichtum korrumpiert sind, sondern in erster Linie durch ihre Macht. „Ich bin Homelander, ich mache verdammt noch mal, was immer ich will“, sagt der in Captain America-Farben gekleidete Superman der Show zu einem eingeschüchterten Bürohengst und ich applaudiere ihm dafür. Genau so würde ich auch nervige Gespräche abkürzen, wenn ich jemanden nur mit meinem Blick in Kebab verwandeln könnte.

Menschen haben nun mal ihre Schattenseiten, sonst wären sie keine Menschen. Und das gilt eben auch für solche mit Superkräften. Deswegen finde ich es sehr erfrischend mal arrogante Superhelden mit Drogenproblemen, Burnout oder anderen Leichen im Keller in Action zu sehen.

Die Serie wird aber vor allem vom geilen Casting über die Wolken getragen. Ich wüßte spontan niemanden aus The Boys zu benennen, der mich nicht restlos begeistert hätte. Da wäre auf Seiten der Boys natürlich vor allem deren Anführer Karl Urban als Billy Butcher, in dessen Grad von Abgefucktheit ich mich spätestens bei Dredd (2012) verliebt hatte. Jack Quaid (Ja, der Sohn von Meg Ryan and Dennis Quaid) als stoffeliger, aber liebenswerter Hugh „Hughie“ Campbell bildet ein perfektes Gegengewicht zu ihm.

Auch auf Seiten der Superhelden gibt es nichts zu meckern, doch besonders Antony Starr als Homelander, der patriotische Anführer der „Sieben“ und stärkstes Pferd im Stall von Milliardenunternehmen „Vought“, hat mich vom Hocker gelasert.

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Wenn er mit seinem Haifischgrinsen – oder manchmal auch nur mit vielsagenden Blicken – in einer Szene auftritt, läuft es kalt den Rücken runter. Besonders die Vought-Chefin Madelyn Stillwell (Elisabeth Shue) hat regelmäßig alle Hände voll zu tun ihre ausufernde Angst vor dem fliegenden Übermensch hinter einem jahrelang geübten Lächeln zu verbergen.

Und als wären Sex, Gewalt und Rock n‘ Roll in dieser „WOW, wie geil“-Serie nicht schon genug, wird auch noch vortrefflich und genüsslich gegen Missstände auf dieser Welt ausgeteilt. Da bekommt das Marketing, welches den Menschen oft schon mit der Muttermilch gefüttert wird, sein Fett weg, genau wie die übertriebe Stars-Verehrung, der Kapitalismus, Menschenhandel, METOO und religiöse Ausbeutung durch den Glauben der Menschen. Da wird jedoch nicht mit dem Hammer ausgeteilt, sondern ziemlich präzise und nüchtern der ein oder andere Umstand angeprangert.

Was bleibt noch über The Boys zu sagen?

Anschauen, wenn ihr nicht aus Zucker seid. Die zweite Staffel ist schon in der Mache und ich kann es nicht erwarten.

Über Thilo (1806 Artikel)
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2 Kommentare zu The Boys: Wenn der Justice League der Kompressor wegfliegt

  1. Danke für den Tipp! Ging komplett an mir vorbei

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