Valerian ist wunderschön, witzig und überflüssig

6 von 10 raffgierigen Rüsseltieren

Valerian ist einer dieser Filme, die man genau einmal sehen und dann wieder vergessen kann. Scheinbar war Luc Besson dermaßen berauscht von der Möglichkeit mit den begabtesten Special Effects-Schmieden unserer Zeit seinen Lieblingscomic zu verfilmen, dass er über die Optik einfach alles andere vergessen hat. Das tut mir insbesondere darum leid, weil er mit diesem Lebenstraum angeblich sein 5. Element toppen wollte, leider jedoch mit dem entstandenen CGI-Overkill am Ziel vorbei schießt wie seinerzeit George Lucas mit Episode 1-3.

Natürlich habe ich den gesamten Film über mit glänzenden Augen am Rand meines Sitzes gehockt und mich von Besson durch exotische Welten führen lassen, wie ein hechelnder Welpe durch einen Wurstladen. Doch meine Kinnlade ist ob der computergenerierten Pracht trotzdem nicht runtergeklappt. Dafür sind glaubwürdige und selbst atemberaubend detaillierte Spezialeffekte im Zeitalter des Bombardements durch Superheldenfilme einfach zu normal geworden. Einst konnten mir Jurassic Park, Transformers und Avatar nur durch ihre Technik einen Kulturschock verpassen, dass es nur so kribbelte. Doch diesbezüglich kann Valerian für mich trotz aller Pracht keine Extralorbeeren verdienen. Der Film liefert einfach nur in rauen Mengen etabliertes Eye Candy.

Leider konnten mich auch die Hauptdarsteller, Dane DeHaan als Valerian und Cara Delevingne als Laureline, nur bedingt überzeugen. Die beiden sind sicherlich ein hübsch anzusehendes Teeny-Pärchen, das sich schnuckelig in die ebenso hübschen Hintergründe einfügt. Doch ihre Rollen als mit allen Wassern gewaschenen Raum-Zeitagenten habe ich ihnen keine Sekunde lang abgekauft. Dafür ist mir Valerian ohne die Hilfe seiner Lieblings-Braut auch einfach zu oft fast drauf gegangen. Und mit den flachen und altersgerechten Dialogen haben die beiden leider nur das Bild untermauert, was sich bis zum Ende bei mir verfestigt hatte: Zwei ungestüme Highschool Lover in Superrüstung wollen nochmal hart die Scheiße rocken, bevor sie zum Chillen zurück an den Strand gehen. Kann das mit Korben Dallas und Leeloo mithalten? Schwerlich.

Besonders schmerzlich habe ich auch die vielen Querverweise zum 5.Element wahrgenommen, die für mich allesamt in die Hose gegangen sind. Zwar macht z.B. Sängerin Rihanna als Gestaltwandler-Gallertwesen „Bubble“ eine extrem gute Figur, ist jedoch Lichtjahre davon entfernt mir kalte Schauer über den Rücken zu jagen wie Opernsängerin Plavalaguna. Schön dass sich Rihanna scheinbar wenigstens noch ins Drehbuch schreiben ließ, dass Valerian sie als die beste Künstlerin aller Zeiten verabschiedet. Junge, platter ist nur eine Amerikaflagge hinter Spiderman.

Und ähnlich wie bei Bessons wunderbar skurrilem Scifi-Erstlingswerk kommt auch am Ende von Valerian der Liebe eine entscheidende Rolle zu. Nur ohne mystische Steine und einen Kuss, der einen Ball aus Hass zum Schmelzen bringt, sondern mit den Überredungskünsten einer Frau, die mit Liebesentzug droht. Auch hier, finde ich mich mit einem fahlen Abklatsch konfrontiert.

Vielleicht ist es auch nicht fair Valerian mit dem 5.Element zu vergleichen, doch als Fan des letzteren komme ich einfach nicht daran vorbei.

Aber auch ohne so einen direkten Vergleich gab es für mich genug „Augenroll-Momente“ in Valerian, die mich und meine Begleitung ungläubig schmunzeln ließen. Das beste Beispiel dafür ist sicherlich der Basar in einer anderen Dimension, der mich gleich zu Beginn des Films positiv überraschte und noch Hoffnung in mir entfachte vielleicht einen 9 bis 10-Punkte-Film erleben zu dürfen. Doch Besson verrennt sich derart in seiner selbst geschaffenen Logik, dass es irgendwann einfach zu schmerzlich wird. Erst können „Besucher“ des extradimensionalen Marktes Dinge nur mit Spezialbrille sehen und mit Spezialhandschuhen berühren und dann rempelt Valerian auf der Flucht alles und jeden über den Haufen. Mal ganz davon abgesehen, dass er sich häufiger mal tief im Wüstenboden hätte befinden müssen, nachdem er in der Paralleldimension etliche Stockwerke in die Tiefe gestürzt war. Und warum am Ende der Konfrontation das Monster aus der anderen Dimension plötzlich durch die Wüste rennen und sich an den Bus heften konnte, ist mir auch ein Rätsel…

Ich wiederhole mich, aber Besson hatte beim Schneiden des Films sicher selbst eine Brille an, die ihn nur optische Brillanz sehen ließ, ihn aber für Story und Logik blind gemacht hat.

Irgendwo habe ich gelesen, dass Valerian ein Film für Leute sei, die sich bei Star Wars nicht an der Kantinen-Szene auf Tatooine sattsehen konnten. Dem kann ich nur beipflichten. Die vielen Monster und Außerirdischen, sowie die exotischen Schauplätze, zu Lande, unter Wasser und in der Luft machen diesen Film alleine schon überaus sehenswert. Allerdings nur im Kino und ausnahmeweise auch dringend mit 3D-Brille. Allerdings hebt mir persönlich die Optik den Film gerade so übers Mittelmaß.

Bei der Wahl Valerian ein zweites Mal oder 5th Element das zwanzigste Mal zu sehen, liegt für mich die Entscheidung auf der Hand.

Über Thilo (1154 Artikel)
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