The Batman ist gut, aber zu langatmig für ein Meisterwerk

© Warner Bros./DC Comics

8 von 10 Mascara-weinenden Augen

Das hier wird leichte Spoiler enthalten. Aber wer einen Film noch sehen möchte, sollte ja ohnehin keine Reviews lesen. 😉

Als der Film beginnt, atme ich erstmal erleichtert auf. Die Depri-Stimme aus dem Off erzählt mir, dass sie Batman ist, leider nicht überall in der Stadt gleichzeitig sein kann und das echt belastend findet.

Ich extrahiere daraus zwei wichtige Infos für mich:

  1. Gotham sei Dank, keine Origin-Story! Die gab es nun wirklich oft genug. Keine Ahnung wie häufig ich mir noch anschauen soll, wie Eltern erschossen werden.
  2. Was mir bevorsteht, ist also ein Produkt seiner Zeit: Ein Emo-Batman der stets verletzten Gen-Z verprügelt Kleinkriminelle. So weit so gut.

Und allen Unkenrufen zum Trotz, die im Vorfeld durch den digitalen Äther schallten, macht Robert Pattinson seine Sache wirklich gut, sowohl als Batman, als auch als Bruce Wayne.

Auf dem Backdrop von Nirvana-Klängen und Dauerregen doomt sich unser Vigilante mit “Fick doch alle Bürsten-Zottelfrisur” und The Cure-Gedächtnisschminke durch das sündige Gotham.

Dabei legt Regisseur Matt Reeves nicht nur durch besagten Regen, der schon Filme wie The Crow zu noch dichterer Atmosphäre verhalf, viel Wert auf ein Neo-Noir-Flair, das einen Spinner in Fledermauskostüm wohlwollend kaschiert.

Für meinen Geschmack hätte der Leder-Milliardär aber weniger oft seine spitzen Ohren in Dämmerung, Sonnenaufgang oder Tageslicht strecken können. “Bruce Wayne bei Tag und Bats bei Nacht” hätte für mich persönlich die Gothic-Atmosphäre nach bewährtem Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Strickmuster besser unterstrichen.

Aber gut, Reeves wollte mit seiner Version des Batman ohnehin realistischer und weniger comicverliebt sein. Das zeigt sich an den vielen sehr gelungenen Szenen, in denen Bats auch mal Fehler machen darf. Auto abwürgen, eins und eins nicht zusammenzählen können oder mit der Wing Suit abschmieren sollen den Antihelden greifbarer machen.

Aber wenn hier schon in die Realismus-Kerbe geschlagen werden möchte, dann darf es mir nicht so schwer fallen zu glauben, dass der Emo-Batman sechs oder sieben Typen auf einmal vermöbeln kann. Das wird schmerzlich offensichtlich, wenn sich der bleiche Grufti aus seiner kugelsicheren, breitschultrigen Rüstung schält und nur jemand übrigbleibt, den der Fitnesstrainer noch nicht an die Freihanteln lassen würde.

Also, ok, Pattinson ist keine Wurst, aber einem aufgepumpten Christian Bale habe ich seine körperliche Überlegenheit doch eher zugetraut.

The Bat and the Cat, das hätte doch was? Warner Bros./DC Comics

Trotzdem hat der Film wirklich schöne Szenen zu bieten. Alles mit der angehenden Cat Woman Selina Kyle (Zoë Kravitz) und Next-Level-Kontaktlinsen war verdammt cool.

Mein absoluter Favorit ist aber der Moment, als das erste Mal das Batmobil zum Einsatz kommt. Wie da plötzlich ein fauchender Dämon in der Dunkelheit erwacht und den Leuten das Blut in den Adern gefrieren lässt, ist schon, im wahrsten Sinne des Wortes, großes Kino!

Auch, wenn danach die wahrscheinlich langweiligste Autoverfolgungsjagd der Filmgeschichte folgt. Und damit wären wir auch schon bei meinem Hauptkritikpunkt von The Batman:

Der fast dreistündige Film hat einfach seine Längen. Und da spreche ich leider nicht von Atmosphäre-triefenden Längen, wie man sie im neuen Dune oder in Blade Runner 2049 genießen darf. Nein, wirklich langweilige, unnötige Längen.

Um bei dem Beispiel mit dem Batmobil zu bleiben: Bats brettert dem Ganoven minutenlang hinterher. Aber es passiert einfach nichts Spannendes. Ich überlege schon mein Handy rauszuholen, um Unterhaltung im Internet zu suchen. Und dabei geht es nur drum, dass Bats aussteigen und vor flammendem Inferno – wie schon im Trailer und hundert Mal bei Terminator oder anderen Actionkrachern gesehen – auf den in seinem Autowrack festgeklemmten Ganoven zugehen und dann mystisch in sein Fenster gucken kann. Beinahe hätte ich dazu laut das “GUTNAAAAABEND” der Mainzelmännchen in die Stille des Kinos gebrüllt.

Doch leider hört die Langatmigkeit da noch nicht auf.

Sicherlich ist die Struktur der Detektivgeschichte auch von Natur aus eher auf ein ruhiges Voranschreiten der Story ausgelegt. Das ist jedoch keine Entschuldigung für einen vermasselten Spannungsbogen und so manche Gespräche, bei denen ich links und rechts von mir gelangweiltes Seufzen hörte. Hier konnte Robert Pattinson definitiv nochmal tief in seine Twilight-Trickkiste der langen bedeutungsschwangeren Blicke greifen.

Ich glaube, filmisch wäre The Batman gerne das für den Fledermausmann, was The Joker für den wahnsinnigen Clown ist. Auf der düsteren Ebene des sozialen Horrors funktioniert das auch. Doch die Performance von Robert Pattinson kann dann doch nicht so wirklich mit der von Joaquin Phoenix mithalten. Und die Verfolgung des Riddlers hatte einfach unverzeihliche Längen, die ich auch keiner wie auch immer gearteten Kunstform beimessen kann.

Hinzu kommt noch ein Finale, das in Teilaspekten zu vorhersehbar war, und das mit einer beinahe zu platten Symbolik einen viel zu langen Film abzurunden versucht. Für mich hätte der Film mit zwei oder zweieinhalb Stunden vermutlich voll ins Mark getroffen. Schade, so lässt mein Gefühl nur 8 statt 9 oder 10 Punkten zu.

Und damit rangiert der Grunge-Batman bei mir auf Platz 3, nach The Dark Knight und Tim Burtons Comic-Meisterwerk aus den 90ern.

PS: Schaut den Film im Original. Dann müsst ihr euch nicht gleich über das erste Rätsel des Riddlers aufregen:

Was macht ein toter Lügner?

Das englische “He lies still” ist natürlich wunderbar zweideutig und lässt sich übersetzen mit “Er liegt bewegungslos” oder “Er lügt immer noch.”

Wie man in der Synchro aber “Er lügt still” daraus machen kann, ist mir tatsächlich ein Rätsel…

Über Thilo (1139 Artikel)
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