Wandern und Seen-Hopping in Norditalien

Habe schon lange keinen Blogpost mehr über einen Sommerurlaub geschrieben. Doch Norditalien, aus dem ich gerade mit einem vorzeigbaren Sonnenbrand und einigen Hektolitern hausgemachtem Tiramisu im Bauch zurückgekehrt bin, ist definitiv einen wert.

Genau wie damals die Toskana, Rom und Venedig. (Lest meine Reiseberichte!)

Wir haben uns hauptsächlich in und um den Garda- und Comer See aufgehalten, also geografisch noch am oberen Rand des Stiefels, bevor man zu tief in dessen Schatten fällt und in einem Strudel von Mamma Mia, Dolce Vita und Ragazzi zu Pasta wird. Oder so.

Doch bevor dieser wirklich äußerst schöne und inspirierende Urlaub beginnen durfte, hatten wir – im wahrsten Sinne des Wortes – mit völlig unnötigen Startschwierigkeiten zu kämpfen.

Stellt euch hier das asthmatische Stottern und Röcheln eines sterbenden Motors vor…

Der Avis Abfuck

Normalerweise rege ich mich nur schwer auf und jemandem im Internet eine Klatsche zu verpassen, liegt mir wirklich fern. Aber eine so unflexible und herzlose Autovermietung wie AVIS ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht untergekommen.

Was ist passiert?

Am Mailänder Flughafen stiefeln wir müde mit Kind und Kegel zum Avis-Stand, um unser Mietauto abzuholen. Es ist zu diesem Zeitpunkt bereits für 16 Tage voll bezahlt, inklusive Vollkaskoversicherung und allem Zip und Zap. Sprich: Die haben bereits unser Geld!

Nur geben wollen sie uns unser Auto nicht. Warum?

Wegen einer winzigen Formalität: Das Computer-System verlangt zur Schlüsselübergabe noch ein letztes Mal die Eingabe der Kreditkarten-Geheimnummer meiner Frau. Der Mann schüttelt den Kopf.

“Ihre Nummer geht nicht. Kein Auto für Sie. Tschüss.”

Äh, was? Wir fühlen uns vor den Kopf gestoßen.

Dazu muss erwähnt werden, dass meine Frau ca. eine Woche vorher wegen Betrug eine neue Kreditkarte beantragen musste. Ein Witzbold aus den USA hatte es irgendwie geschafft Geld damit abzubuchen. Glücklicherweise holte die Bank das Geld zurück und stellte ihr eine neue Karte aus. Auf die Nachfrage, ob sie denn die alte Geheim-Nummer weiter benutzen könne/solle, wurde ihr versichert: Natürlich, kein Problem!

Nur leider akzeptiert in dieser schicksalhaften Sekunde der Computer von Avis die Nummer nicht.

Noch bin ich guter Dinge. Es gibt sicher eine Lösung.

Wir schilderten dem Avis-Mitarbeiter, der genauso gut ein Roboter hätte sein können, das Problem.

Seine verständnisvolle Reaktion:

“Ihre Nummer geht nicht. Kein Auto für Sie. Tschüss.”

Wir telefonierten wild rum. Mit dem ADAC. Mit der Bank. Doch die Nummer der Karte ist auf die Entfernung nicht zu erneuern.

“Ihre Nummer geht nicht. Kein Auto für Sie. Tschüss.”

Ich sage dem Mitarbeiter, dass AVIS ja schon unser Geld hat und wir deshalb nun gerne unser Auto hätten. Wir legen alle Pässe, Ausweise etc. vor, die uns eindeutig als die rechtmäßigen Mieter des Autos ausweisen.

“Ihre Nummer geht nicht. Kein Auto für Sie. Tschüss.”

Ich verliere langsam die Beherrschung, biete dem Avis-Typen ALLES an. Eine Bargeld-Sicherheit, höher als die eigentlichen Autokosten. Meine Seele. Meinen Erstgeborenen. Es muss doch einen Workaround um diese letzte Abfrage geben…

“Ihre Nummer geht nicht. Kein Auto für Sie. Tschüss.”

Meine Frau weint mittlerweile. Mein Sohn ist kurz davor. Ich verlange einen Vorgesetzten mit höheren Befugnissen zu sprechen, damit eine Lösung gefunden werden kann. Denn sonst hängen wir am Flughafen fest und unsere Rundreise kann nicht starten. Der Terminator schüttelt den Kopf.

“Ihre Nummer geht nicht. Kein Auto für Sie. Tschüss.”

I AM NOT KIDDING! Das war der Level der Hilfsbereitschaft dieses Avis-Mitarbeiters. Außer immer wieder darauf zu verweisen, dass sie die Nummer ins System eingeben müssen, kam da kein Verständnis und kein Wille irgendwie eine Lösung dafür zu finden, dass wir unser BEREITS BEZAHLTES AUTO benutzen können.

Avis-Mitarbeitern ist scheinbar alles egal. Selbst wenn Godzilla uns sonst totgetrampelt hätte – der Typ hätte uns das Auto zur Flucht wegen einer kleinen Formalität nicht ausgehändigt. Daher: MIETET EURE KARREN WOANDERS!

Das haben wir dann auch gemacht. Was gar nicht so einfach war, weil ohne Kreditkarte (geil, dass ich keine dabei hatte…) kein Autovermieter in Italien sein Fahrzeug rausgibt.

Außer: SICILY BY CAR! Unsere Retter, die mir vorher von ChatGPT “als letzter Versuch” ans Herz gelegt wurde. Dort konnte ich völlig unkompliziert meine EC-Karte einlesen lassen, mein Fahrzeug entgegennehmen und losfahren. Ich habe denen für ihre herzerwärmende Hilfsbereitschaft und ihr geiles, klimatisiertes Auto auf Trust-Pilot bereits 5 Sterne hinterlassen.

So… sorry für das Geschwafel, aber ich MUSSTE mir das noch nachträglich von der Leber schreiben. Nun aber zu den vielen erfreulichen Aspekten unseres Urlaubs, den wir dann Dank Sicily by Car doch noch antreten durften.

Märchenhafte Seen: Garda, Ledro, Tenno

Bisher bin ich nur in meiner Badewanne, in Pools oder im Meer planschen gewesen. Dementsprechend überrascht war ich davon, wie geil es sein kann, in einem See zu schwimmen. Nicht nur, dass man im Süßwasser vor tödlichen Würfelquallen, Haien und “Deep Ones” sicher ist, im Fall der italienischen Seen ist das Wasser auch noch meistens kristallklar und warm!

Einziger Nachteil: Sandburgen-Baumeister sollten sich lieber auf meditatives Steine-stapeln gefasst machen. Mein Fliegengewicht von Sohn konnte mit seinen nackten Legolas-Füßen über die Steinhalden des Uferbereichs tänzeln, aber für mich war das eher eine Tortur. Fühlte sich an wie eine Mutprobe für Fakire…

Deshalb bin ich einfach männlich und erhaben mit Sandalen ins Wasser gegangen. So konnte ich den Untergrund verlachen und beim Schwimmen fühlten sich meine Treter fast wie Flossen an. Zumindest bis ich einmal in eine Seemitte gekrault bin, einen Krampf im Fuß bekommen habe und wie ein angeschossenes U-Boot mit letzter (Arm-)Kraft wieder zum Ufer zurück gehampelt bin – aber das ist eine andere Geschichte…

Von unserer Ferienwohnung am nördlichen Gardasee haben wir Ausflüge zu den kleineren Seen gemacht.

Besonders der hellblaue Lago di Tenno in den Bergen ist ein absoluter Geheimtipp. Um seine kleine Insel zu schwimmen mit Blick auf die Berge ist Naturerlebnis pur.

Suchbild: Dünnhaariger Autor mit Sandalen im Bild versteckt:

Ebenfalls nett, der mittelgroße Lago di Ledro, bei dem ich kurz im Regen schwimmen durfte. Grandios.

Etwas touristisch, aber trotzdem sehenswert ist der riesige Wasserfall “Cascata Varone”. Hier kann man an mehreren Stellen in den Felsen vordringen und sich unter ohrenbetäubendem Tosen von allen Seiten kühl einnebeln lassen. Perfekt bei 30 Grad außerhalb der Höhlen.

Auf der Fahrt in unser Hotel am Comer See, haben wir in den Bergen noch den malerischen Lago di Levico mitgenommen.

Wenn man sich mal richtig alt fühlen will, beobachtet man die jungen Italiener, die über windige, selbstgemachte Baumleitern halsbrecherische Sprünge in den See wagen. Überall hängen verlockende Seile und Schaukeln, die mir Dinge zugeflüstert haben wie “Komm schon, so alt bist du doch noch gar nicht, das ist total schaffbar.” Letztlich habe ich mich jedoch gegen einen längeren Krankenhausaufenthalt entschieden.

Wir sind lieber 15km um den See gewandert und haben dabei ein paar nette Ents kennengelernt, die uns versichert haben weder pädophil zu sein, noch Kinder zu essen. Wir hatten sie zwar nicht danach gefragt, aber danke für die Info.

Boote, Geister und Jedis am Comer See

Fast noch schöner als der Gardasee ist der Comer See.

Vermutlich ist diese Aussage Quatsch, weil ich ja nur einen kleinen Teil des Gardasees gesehen habe, aber die Erlebnisse am Comer See waren, gerade für einen Nerd wie mich, einfach noch inspirierender.

Zunächst mal war am Comer See einfach alles übertrieben malerisch.

Der Blick aus unserem Hotelfenster…

… durch irgendwelche Gassen…

…oder auf eine der Villen am Uferbereich…

Mit einem der vielen “Taxiboote” kann man außerdem kreuz und quer die verschiedenen kleinen Dörfchen besuchen, von denen eins uriger ist als das andere. Hier z.B. die schnuckeligen Gässchen von Varenna:

Aber, Thilo, was war denn jetzt für dich als Nerd so “inspirierend” am Comer See?

Gut, dass ihr fragt! Zum Beispiel der unerwartet heimgesuchte…

Italian Dungeon: Castello di Vezio

Eine Bootsfahrt und schweißtreibende Wanderung später gelangt man zum Castello di Vezio. Was nicht viel mehr als eine Burgruine ist, lohnt sich allein wegen des atemberaubenden Ausblicks über den Comer See:

In den Mauern der alten Burg habe ich mich dann schnell mit einem der dort lebenden Schreckgespenster angefreundet.

Und was soll ich sagen, was Freundschaft war, wurde Liebe und wir wollten eigentlich heiraten. Doch Miss Wiki hat mich mit einem Faustschlag zur Raison gebracht, so dass unsere Besichtigung normal weitergehen konnte.

Praktischerweise kann man nörgelnde Kinder einfach am Pranger festmachen und später wieder abholen. Das ist mal angenehmer Service!

Überraschender Weise gab es neben jeder Menge alter Rüstungen auch einige Spukgestalten in einem Verließ unter der Burg, inklusive Stöhnen, Wehklagen und Knurrgeräuschen vom Band. Ich musste mich wirklich EXTREM zusammenreißen mich dort nicht irgendwo in einer der vielen dunklen Nischen zu verstecken und einigen anderen Besuchern den Schreck ihres Lebens einzujagen. Mein Gesicht hätte es hergegeben…

“Sie ist genau hinter mir, oder?”

Villa del Balbianello: Nur die Harten kommen in Anakins Garten

Ein weiterer Tagesausflug führte uns zur bekannten Villa del Balbianello. Bekannt vor allem deswegen, weil dort einige Naboo-Szenen für Star Wars Episode II gedreht wurden.

Glücklicherweise war die Villa von uns fußläufig in gerade mal 5-10 Minuten erreichbar. Zumindest bis zum Einstieg ins Gelände. Denn dort hatte sich eine ansehnliche Warteschlange gebildet, die laut Aufpasser den Besuch der Villa um mindestens eine Stunde verzögern würde.

Doch der Wettergott war auf unserer Seite.

Der Himmel verfinsterte sich und öffnete seine Schleusen.

Meinen Rucksack konnte ich durch einen Regenschutz wasserfest machen, doch wir selbst waren Neptuns Zorn schutzlos ausgeliefert.

Eine Weile konnten wir uns unter einem großen Baum halbwegs schadlos halten, doch die Schlange drängte uns weiter.

Moment, welche Schlange?

Dank des Regens schmissen immer mehr Leute das Handtuch und suchten fluchend das Weite, so dass wir plötzlich fast allein dastanden und reingelassen wurden.

Und das zwar nasse, aber dann doch recht kurze Warten hat sich gelohnt!

Villa del Balbianello ist wirklich eine Augenweide – kein Wunder, dass sie als Filmset gebucht wird.

Unglaubliche Ausblicke auf den See, wunderschöne Gärten und überall stehen Steinstatuen rum, als hätte man sich in Medusas Heim verirrt.

Zahlenmäßig den Statuen überlegen waren nur die Möchtegern-Insta-Models…

Alter Schwede… in was für einer Zeit wir leben! Die meisten Leute waren scheinbar nicht vor Ort, um die Atmosphäre aufzusaugen und den Moment zu genießen, sondern nur um ihre Insta-Follower zu beeindrucken.

Dafür schleppten sich die Frauen in Cosplays oder schweren Ballkleidern durch den Wald bis zur Villa. Bei über 30 Grad. Mein Mitleid hielt sich in Grenzen.

Wieso glauben dieser Tage so viele Frauen “Insta-famous” werden zu müssen? Auf dem Areal habe ich vielleicht zwei oder drei wirklich hübsche Frauen gesehen. Der Rest war fast schmerzhaft durchschnittlich. Und das ist wirklich nicht abwertend oder böse gemeint. Es muss doch nicht jeder Insta-Influencer sein.

Ich empfand es mitunter dann doch als etwas nervig, wenn das tausendste Möchtegern-Insta-Model mit seinem persönlichen Kameramann einen Foto-Spot für sich reservierte und ewig blockierte, um dort hunderte der immer gleichen Fotos zu schießen…

Ich meine, klar, ich habe ja auch Fotos gemacht – für meine daheimgebliebenen Verwandten oder einen Reisebericht in meinem Blog – insofern: vollstes Verständnis. Aber die meiste Zeit habe ich dort nicht geposed, sondern beobachtet, aufgesaugt und genossen…

Aber gut, “jedem Tierchen sein Pläsierchen”, wie man in Mittelerde sagt.

Wenigstens habe ich es am Ende der ein oder anderen Warteschlange dann auch noch geschafft mich an den “Hot Spots” knipsen zu lassen. Erkennt ihr…

…den Bootsanleger, wo Padme und Anakin ankommen?

…den Balkon, den der Sith-Anwärter nach seinem Alptraum unsicher macht?

…die Brüstung, wo Anakin Amidala seinen Sand-Fetisch gesteht?

Kurz vor unserem Rückflug haben wir dann noch kurz Mailand unsicher gemacht.

Mailand durchschwitzen und sterben

Bei 37 Grad durch Mailand zu tigern, ist semi-schlau.

Auch wenn der Mailänder Dom und das nahegelegene Schloss hübsch anzusehen sind, flüchtet man in erster Linie von einem Schatten der aufgeheizten Stadt zum nächsten. Dank der spürbaren Klimaerwärmung wird sich Mailand dann bald in ein Refugium für Feuerelementare verwandelt haben.

Anstatt bei lebendigem Leib abzufackeln, erscheint ein Tod durch den Schlossdrachen beinahe als barmherzig…

Beim Brunnen vor dem Schloss habe ich erstmal mein im Superhelden-Gym gezüchtetes Sixpack freigelegt, mein T-Shirt untergetaucht und klitschnass wieder angezogen.

AAAAAAAAHHHHHHH! Dies Kühlung!

Als wir beim nächsten Eisladen angekommen waren, war mein T-Shirt schon wieder furztrocken.

Auf dem Rückweg in der kühlen U-Bahn konnten wir uns dann die Zeit vertreiben beim Deuten solcher Hinweisschilder:

Meine Vermutung (bei Ausblenden meiner Englisch-Kenntnisse): “Falls sie ein großes L dabeihaben, halten sie es bitte deutlich sichtbar hoch, damit es jeder sehen kann.”

Das hätte ich besser für mich behalten.

Wir mussten meinen Sohn Tränen-lachend und unter den verwirrten Blicken der anderen Fahrgäste aus der U-Bahn ziehen…

Viel zu schnell: Der Heimflug

Ja, so bedröppelt/dämlich kann man in die Cam glotzen, wenn 16 Tage vergangen sind, als wäre ein Komma zwischen der 1 und der 6…

Mein Fazit zu Norditalien: Kamm man machen.

Meine Learnings:

  • In Seen schwimmen > Im Meer schwimmen
  • Man kann auch mit fast 50 noch so dumm sein, sich einen fetten Sonnenbrand zu holen.
  • Jeder sollte einen Feigenbaum im Garten haben
  • Italienischer Nachtisch ist GOTT. Noch geiler als hausgemachtes Tiramisu ist nur ein Gerät namens “Himbeer-Sphäre”. Ich schätze, das lassen die Italiener vom Zungenplanten aus der Orgasmus-Galaxie importieren…
  • Nicht sicher, ob die Italiener Kleinwüchsige mögen…
  • Alkoholfreies Bier tatsächlich trinkbar.
  • Norditaliens Hauptbevölkerung: Salamander. Auf jeder Wanderung haben wir Minimum 30 Stück über heiße Mauern, Straßen und Steine flitzen sehen.

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