Filmkritik: Interstellar – Ein Lehrfilm für Astrophysik Noobs

interstellar

6 von 10 schwarzen Löchern

Wenn ein Film den Zuschauer auf so eine lange Reise schickt, sowohl was die Geschichte der Astronauten anbelangt, als auch in Hinsicht auf die Spieldauer von fast 3 Stunden, dann sollte das Ende zumindest irgendeine Art von positiver Überraschung bereit halten. Und das ist genau mein Hauptproblem mit Interstellar. Wer nicht schon in den ersten 20 Minuten den Ausgang des Films ahnt, hat vermutlich noch nicht wirklich viele Science Fiction-Filme gesehen, und schon gar keine mit Zeitreisen, schwarzen Löchern oder ähnlichen „Scifi Tropes“.

Als riesiger Freund von Weltraumabenteuern im Kino würde ich Interstellar wirklich gerne voller Entzückung in meine liebsten Christopher Nolan-Filme wie The Dark Knight, Inception oder The Prestige einreihen, aber 2 Dinge halten mich davon ab.

Da ist einmal natürlich die Auflösung am Ende, die – und ich gebe zu, dass das natürlich auch ein Stück weit Geschmackssache ist – bei mir leider keinen Aha-Effekt, sondern eher einen WTF-Moment ausgelöst hat.

Und dann wäre da noch die Grundvoraussetzung des Films, die dem Zuschauer wie eine nur schwer zu verdauende Logik-Pille hingeworfen wird. Scheinbar haben Außerirdische in der Nähe des Saturns ein Wurmloch platziert, damit die Menschen in Zeiten der Not in ein anderes Universum reisen können. Eigentlich ja nett von denen. Aber hätte man es dann nicht auch etwas näher an der Erde platzieren können? So Jupiter oder Mars wäre ja recht günstig gewesen für den Fall, dass unser Planet stirbt und wir aber entweder zu wenig Zeit oder Antriebskraft besitzen, um mal eben bis zum Saturn zu fliegen. Ansonsten wäre auch ein Wurmloch zum Wurmloch hilfreich gewesen…

Aber während das ja noch irgendwie hätte erklärt werden können, konnte ich am himmelschreienden Missverhältnis von Notstand und wissenschaftlichem Fortschritt auf der Erde nicht vorbei schauen. Die Menschheit hat mittlerweile Kick Ass-künstliche Intelligenz entwickelt, aber verhungert leider, weil da irgendwas in der Atmosphäre ist, was Mehltau erzeugt und die Ernten eingehen lässt. Es gibt natürlich scheinbar keine Möglichkeit in Gewächshäusern oder, was weiß ich, in abgefahrenen Bio-Stationen der Zukunft irgendwas zu züchten. Es hat zwar für epische Raumfahrt und Supercomputer gereicht, aber leider müssen die Menschen in Christopher Nolans Welt vor ihren Laptops elendig verhungern. Das heißt, wenn sie nicht vorher in den Sandstürmen erstickt sind, die nun auch Teil der Welt geworden sind. Aber all das wäre noch nicht mal ein Problem, wenn Nolan sich die Zeit nehmen würde das alles besser zu erklären. Ich denke irgendwo in den 169 Minuten, wären vielleicht die nötigen 5 Minuten unterzubringen gewesen. Aber einfach zu behaupten, dass sowas wie Polizei und Militär abgeschafft wurden und es auch keine Aufstände oder Plünderungen gibt, obwohl die Nahrungsmittel langsam zur Neige gehen, ist einfach albern.

Doch um auch mal was Positives am Film zu lassen, möchte ich den zweistündigen Mittelteil erwähnen. Da gibt es durchaus schöne Bilder von Galaxien und fremden Planeten zu bewundern und immer wenn es dramatisch wird, darf uns Hans Zimmer die Dramatik mit BRAHM-BRAAAAAHM-Kirchenmusik auf den Kopf hämmern. Das Prinzip hat sich ja schon in Inception bewährt. Und auch die Roboter, die ich zunächst seltsam fand, entpuppten sich mit ihrem Humor-Modul als einer der größten Amüsement-Quellen im Film. Nur leider fehlt um das Space Adventure herum einfach der solide Rahmen. Für mich muss ein guter Scifi-Film dieser Tage mit Spannung beginnen und am besten mit einem Gänsehaut-Matrix-AHA-Effekt enden. Beides fehlte mir.

gargantua

Nolan hätte vielleicht einfach weniger Astrophysik for Dummies in seinem Film unterbringen und für mehr Unterhaltungswert sorgen sollen. Ist ja ganz toll, dass alles nochmal schön für den Zuschauer erklärt wird, wie ein schwarzes Loch das Raum-Zeit-Gefüge verzerrt etc., doch irgendwann kommt man sich auch ein wenig wie in einer Nachhilfestunde vor. Und anstatt dann wenigstens die Wissenschaftsschiene ganz auszufahren, rückt Nolan, besonders gegen Ende des Films (einem Film über pure PHYSIK!), immer mehr metaphysische Elemente in den Mittelpunkt. Plötzlich ist Liebe die alles entscheidende Kraft im Universum, weil er ja am Anfang des Films diese tragische Vater-Tochter-Geschichte konstruiert hat. Dem muss natürlich Genüge getan werden und gleichzeitig lässt sich so schön ein wenig die Nüchternheit aufsprengen.

Also, Interstellar ist sicher kein schlechter Film. Er hat einige nette Ideen und Bilder parat, die sicherlich vielen Leuten eine BRAAAAAHM-Gänsehaut bescheren werden. Doch für einen wirklich erinnerungswürdigen Film fehlten einfach einige Mosaikstücke. Und da hilft es auch nicht das Raumschiff der Crew gefühlte 100 Mal in derselben Einstellung zu zeigen, die es wie ein Plastik-Modell in einem schwarzen Raum aussehen lässt. Schade, aber mehr als knapp über Durchschnitt, 6 von 10, kann ich einfach nicht guten Gewissens geben.

Über Thilo (1143 Artikel)
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