Mindfuck: Warum Du einen Film liebst oder hasst

Holy Crap! Jetzt ist mir das schon zum zweiten Mal SO rum passiert.

Ich kannte das Phänomen, dass ich einen Film im Kino gesehen habe und ihn bestenfalls mittelmäßig fand. Doch bei einem zweiten Kinobesuch oder später auf Bluray viel mir dann wie Schuppen aus den Haaren, welche simple Schönheit mir zuvor entgangen war. Oder ich konnte plötzlich den Stock aus meinem Arsch nehmen und den Film einfach für das genießen, was er war. Oder … ich wurde verhext. Ich habe teilweise auch keine Erklärung dafür. Ihr kennt das vielleicht aus dem Bereich der Musik, wenn man einen neuen Song hört und ihn erst mal „MEH“ findet und plötzlich ist es ein Ohrwurm. So kann ein Film bei mir in seltenen Fällen schon mal 3 Punkte steigen.

Doch nun ist es mir schon das zweite Mal passiert, dass ein Film um die 3 Punkte in meiner Wertung GEFALLEN ist.

Bei meinem ersten Kinobesuch fand ich Jupiter Ascending irgendwie ganz toll, super Optik, fast wie „Dune“, eine niedliche Mila Kunis… What’s not to like? Dann wollte ich den Film ein paar Freunden zeigen und wäre fast vor Scham im Sessel versunken, wenn ich nicht vorher vor Langeweile eingeschlafen wäre.

Jetzt ist es mir das zweite Mal mit The Great Wall passiert. Im Review hatte ich Lobeshymnen darauf gesungen wie bunt, witzig und unterhaltsam er ist. Nach einem Rewatch fällt mir plötzlich nur noch ein: Was zum Henker stimmt nicht mit mir? Als Matt Damon einen kopflosen Kopfsprung in die Schlucht vollführt, dann beiläufig eine Kette greift und in einem physikalisch unmöglichen Move an dieser hinunter gleitet, rief meine bessere Hälfe nur prustend „HAHAHAHA, Legolas Action!“

In der Tat. Sehr lächerlich. Wie SO vieles andere an dem Film. Aber was ist denn bitte beim ersten Mal so anders gewesen?

Und dann viel es mir ein. Wie eine plötzliche, musenhafte Eingabe. Wie ein göttlicher Download.

Objektivität ist eine Illusion.

Es gibt auf dieser Welt nichts, was „von Natur aus“ gut oder schlecht ist. Das ist nur eine Frage der Definition und des Blickwinkels. Albert Einstein gab uns ja bereits zu bedenken, dass ALLES relativ ist. Das bedeutet, dass ALLES nur in Relation zu etwas anderem existieren kann. Oha, non-dualistische Weisheiten rollen an. Kann ich klein oder groß sein? NOPE. Natürlich nicht. Was soll das sein? Ich kann nur klein oder groß sein IM VERGLEICH zu etwas oder jemand anderem. Es braucht immer den Vergleich, ohne Ausnahme.

Daher die plötzliche Einsicht:

Da auch ein Film nur in Relation zu der Meinung eines Betrachters existiert, gibt es so viele The Great Wall-Filme auf dieser Welt, wie es Menschen gibt, die ihn gesehen haben.

Für den einen ist die Kettenrutsch-Aktion von Damon ganz toll, weil sie ihn als Asia-Kino-Fan an Tiger and Dragon erinnert. Doch für jemand anderen, ohne diese „Vorprägung“, ist es albern und doof.

Ob mir ein Film im Kino gefällt, wird, mehr als ich es jemals für möglich gehalten hätte, von z.B. folgenden Faktoren beeinflusst:

  • Begleitung: Hält ein weibliches Wesen behutsam meine Hand? Sitzt der gute Kumpel neben mir und wir statten alle Akteure und Situationen im Film mit D&D-Werten aus? (So ist es nämlich bei The Great Wall)
  • Alkohol: Bin ich besoffen? WIE besoffen bin ich? Habe ich vielleicht den halben Film gar nicht gesehen, weil ich ständig auf dem Klo war?
  • Die Zeit davor: Gehe ich völlig relaxt ins Kino? Vielleicht als Belohnung für eine erfolgreiche Arbeitswoche? Oder muss der Film als eine Art Trostpflaster dienen, weil eh schon alles scheiße gelaufen ist? Und ich bin mega enttäuscht, wenn der jetzt AUCH NICHT meine Erwartungen erfüllt?
  • Die Zeit danach: Habe ich am nächsten Tag frei oder muss ich da arbeiten? Erwartet mich am nächsten Tag der Playboy Bunny Cruise den Rhein runter oder werde ich doch noch nachträglich zum Bund eingezogen?
  • Mindset: Bin ich an diesem Abend genau auf das Genre des Films geil? Oder lief nur nix anderes „Gescheites“? Bin ich gerade wegen irgendwas „pissed“ und warte nur auf den ersten Filmfehler, um dieses bekloppte Machwerk verreißen zu können?
  • Körperlicher (Gesundheits-)Zustand: Schaue ich den Film leicht depressiv oder in der Hochstimmung frischen verliebt seins? Erfreue ich alle im Kino mit dem hartnäckigen Husten, den ich seit 9 Jahren verschleppe? Habe ich leichte Kopfschmerzen? Muss ich gegen Ende des Films dieses Drücken in der Blasengegend ignorieren, weil es gerade viel zu spannend ist, um zur Toilette zu gehen? Streichelt meine Begleitung den gesamten Film über meinen Schritt, um mich in Stimmung für weitere „Aktivitäten“ nach dem Film zu bringen? Merke ich erst am Ende, dass die Hand gar nicht die meiner Begleitung war?
  • Fanboy/girl: Ich liebe alles, was mit dem Thema des Films zu tun hat sowieso schon heiß und innig. Es braucht nicht viel, um mich emotional ins Boot zu holen oder meine Bedürfnisse/Erwartungen zu befriedigen.
  • Die anderen Zuschauer: Bin ich die meiste Zeit der Vorstellung auf 180, weil ich mal wieder so blöd war in eine Nachmittagsvorstellung mit plärrenden Kindern zu gehen? Saß eine nach Alkoholleichen stinkende Alkoholleiche neben mir? Oder noch schlimmer: Ein Nachos- oder Popcorn- Geräusche-Automat?
  • Hype oder Zen: Gehe ich mit vollkommen überzogenen Erwartungen in den Film, weil er auf RottenTomatoes zwar 100% hat, mir aber entgangen ist, dass es erst eine Bewertung gibt? Oder gehe ich mit null Erwartungen in den Film, in einem Zustand der nicht wertenden und nicht verurteilenden Gedankenleere?
  • Ambiente/Ausstattung: Sitze ich mit einem Glas Champagner in einem Ohrensessel im Luxuskino? Oder habe ich im verträumten Pusemuckel das letzte Kino ohne aufsteigende Sitzreihen erwischt, so dass der lange Lulatsch vor mir ständig die Sicht blockierte? War der Sound viel zu laut eingestellt oder fing der Film einfach mittendrin an? (mir schon passiert)

Puh. Zu viele Faktoren. Macht es überhaupt Sinn einen Film zu bewerten? Da die Bewertung immer vollkommen subjektiv sein MUSS? Es gibt einfach keine Standards, Halteseile oder goldenen Regeln, an denen sich jeder Film messen lassen muss. Selbst der scheinbar schlechteste Film mit den schlechtesten Schauspielern und dämlichsten Effekten könnte in sich schon wieder ein Meisterwerk sein. So schlecht, dass er schon wieder gut ist. Umgekehrt funktioniert das natürlich auch. Faszinierend.

Über Thilo (1678 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

2 Kommentare zu Mindfuck: Warum Du einen Film liebst oder hasst

  1. Hehe… bei Jupiter Ascending bin ich auch eingeschlafen, ich hatte bis heute nicht die Musse es mir wieder anzuschauen.

  2. Das zielt ja alles eher auf die emotionalen Aspekte/Begleitumstände ab, die natürlich immer eine Rolle bei der Rezeption spielen und daher eine subjektive Beeinflussung ausüben. Daneben gibt es aber eben auch technische Aspekte des Films, die durchaus objektiv und losgelöst vom individuellen Gemütszustand betrachtet und als Bewertungsmaßstab herangezogen werden können. Aber im Endeffekt ist jeder Film ein subjektives Seherlebnis, weil es von zu vielen diversen Faktoren abhängt. Und das mancher Film unter geänderten Umständen besser oder schlechter erscheint, ist ganz gut. So kann man sich an einem bierseligen Filmabend mit Kumpels so ziemlich jeden Schund bedenkenlos anschauen… 😉

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