Once Upon a Time in Hollywood ist überraschend

© Sony Pictures

8 von 10 Hollywoodsternen

Hach, Quentin Tarantino! Wie kann jemand diesen verrückt-genialen Kreativkopf nicht zu seinen liebsten Regisseuren zählen? Er macht Filme, die in Erinnerung bleiben. Weil sie anstößig sind. Weil sie witzig, überraschend und over the top-brutal sein können. Und vor allem, weil sie die Freude an Kinounterhaltung in den Vordergrund stellen und sich einen sprichwörtlichen Scheiß um Political Correctness scheren. Aber dazu unten im Spoiler-Teil mehr.

Der nunmehr 9. Eintrag in Tarantinos Vermächtnis, Once Upon a Time in Hollywood, reiht sich für mich klar in seine besseren Filme ein. Wobei ich keinen seiner Streifen auch nur als mittelmäßig einstufen könnte. Auch wenn Death Proof, sein Beitrag zum Grindhouse-Double Feature mit Robert Rodriguez, für mich sein schwächstes Werk ist, liegen seine Filme alle sehr nah beieinander. Mit Pulp Fiction, Inglorious Basterds und Django Unchained selbstverständlich an der Spitze.

Once Upon a Time in Hollywood spielt im Los Angeles von 1969, auf dem Höhepunkt von “Hippie-Hollywood“. Doch anders als die zu Grunde liegende wahre Geschichte um die Morde des Charles-Manson-Kults vermuten lassen, spielen nicht etwa die ermordete Sharon Tate oder Manson selbst die Hauptrollen, sondern der abgehalfterte Westernserienstar Rick Dalton und dessen unverwüstliches Stunt Double Cliff Booth. Zwei Paar Schuhe perfekt ausgefüllt von Leonardo DiCaprio und Brad Pitt.

Zunächst mal fällt auf, dass Once Upon a Time in Hollywood ein sehr ruhiger und verträumter Film ist. Tarantino nimmt sich viel Zeit mit langen Einstellungen und ausgekosteten Szenen seiner Liebeserklärung an die Filmschaffende Branche Ausdruck zu verleihen. Doch Tarantino wäre nicht Tarantino, wenn dies nicht die Ruhe vor dem Sturm wäre, die sich über eine gemächliche und subtile Herleitung herrlich brachial und befriedigend im Finale entlädt. Aber davon soll hier natürlich nichts vorweg genommen werden.

Trotz des beinahe züchtigen Aufbaus hat mich der Film jedoch nie gelangweilt. Was bei einem derart großen Aufgebot von Evergreen Stars – neben DiCaprio und Pitt noch so schillernde Namen wie Al Pacino, Kurt Russel oder Margot Robbie – und toller Musik auch nicht weiter verwunderlich ist. Beim zweiten oder dritten Mal Schauen könnten sich die Szenen beim Warten aufs große Finale allerdings etwas hinziehen.  

Der Film ist auf jeden Fall sehenswert und ein würdiger Eintrag in die haarsträubende Tarantino-Filmkollektion. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte das nachholen und jetzt aufhören zu lesen. Es folgen Spoiler.

Zur Bruce Lee Kontroverse (SPOILER)

You put water into a cup IT BECOMES THE CUP! © Sony Pictures

Bruce Lees Tochter soll bei Once Upon a Time in Hollywood am Boden zerstört das Kino verlassen haben; empört, dass Tarantino das Andenken ihres Vaters für immer in den Dreck gezogen hat. Hat sie damit Recht? Ja und nein, denn so einfach ist es wie immer nicht.

Ich muss gestehen, dass es mir als Bruce Lee-Bewunderer ebenfalls einen Stich versetzt hat, die Kung Fu-Legende als arroganten Spinner portraitiert zu sehen. Doch man darf bei aller Empörung nicht vergessen, dass es sich um das fiktionale Werk eines Regisseurs handelt, dessen Filme davon leben Erwartungen zu untergraben und zu schockieren. Mich hat diese unerwartete Darstellung von Bruce Lee sehr zum Lachen gebracht – gerade weil die Welt Bruce Lee beinahe als Gott verehrt. Ein Steilpass für Tarantino und gleichzeitig ein probates Mittel, um zu zeigen was der ehemalige Green Beret und Stuntman Cliff Booth für eine harte Sau ist.  

Tarantino hat sich bereits dazu geäußert und betont, dass es sich bei Cliff Booth um einen fiktionalen Charakter handelt. Auch wenn Brad Pitt im wahren Leben natürlich niemals Bruce Lee hätte im Zweikampf besiegen können, wäre das für Dracula z.B. weniger ein Problem:

Quentin Tarantino explains why Bruce Lee is so funny in Once Upon a Time in… Hollywood

Trotzdem haben sich Fans darüber aufgeregt, dass Tarantino Bruce Lee als arrogant bezeichnet hätte.

Auch das muss man wieder mit Vorsicht genießen. Denn ganz Unrecht hat Tarantino damit sicher nicht. Ein menschliches Wesen ist keine festgeschriebene, mathematische Variable, sondern ein sich stetig wandelnder Prozess. Ich bin mir sicher, dass Bruce Lee in seinen jüngeren Jahren, als seine ersten Kampf- und Film-Erfolge ihm einen Höhenflug bescherten, durchaus arrogant wirken konnte. Wem würde sowas nicht zu Kopf steigen und das Ego aufblasen? Ich habe selbst frühe Interviews mit ihm gesehen, die das belegen.

Doch spätestens nach seiner Rückenverletzung hat sich der Mann stark verändert und weiterentwickelt. Die lange Ruhepause nutzte er für das Studium unzähliger Bücher und Schriften, die ihn zu dem auch geistig gereiften „Kampfsport-Philosophen“ gemacht haben, den die meisten seiner Fans noch im Kopf haben. Warum Tarantino also nicht zugestehen, dass er eine jüngere und naivere Version von Bruce Lee dargestellt hat?

Was mich viel mehr gewundert hat: Warum hat niemand sein Katzen-Gejaule moniert?

Nur weil er in seinem berühmten Kampf gegen Chuck Norris wie eine Katze gejault hat – weil zum etwas schwerfälligen Vergleich ja auch eine echte Katze anwesend war – heißt das nicht, dass Bruce Lee in jedem Kampf so übertrieben gejault hat. Schon gar nicht außerhalb von Filmen oder auf Turnieren. Diese Karikaturisierung ist mir im Film viel übler aufgestoßen als sein dümmliches Aufschneiden.

Aber wie gesagt, am Ende des Tages ist es ein Film, der unterhalten soll. Ich respektiere Tarantinos Entscheidung Bruce Lee zu instrumentalisieren und ihn so darzustellen, wie er es getan hat. Ich glaube nicht, dass Bruce Lee sich zu Lebzeiten darüber aufgeregt hätte. Zumindest nicht, wenn an seiner Darstellung nicht doch etwas dran gewesen wäre. Doch so Ego-gesteuert war Bruce Lee am Ende seines Lebens nicht mehr. Eher weit davon entfernt an so etwas Anstoß zu nehmen.

Und wer weiß… vielleicht hat Tarantino die kontroverse Szene auch nur eingebaut, damit sein Film kurz nach Veröffentlichung im Gespräch ist und bleibt? Naja, vermutlich hat er das nicht nötig…

Für mich macht die Darstellung von Bruce Lee Once Upon a Time in Hollywood nicht schlechter, auch wenn man die Überlegenheit von Cliff Booth sicherlich auch hätte hervorheben können, ohne dabei Bruce Lee allzu sehr durch den Kakao zu ziehen. Künstlerische Freiheit.

Über Thilo (1798 Artikel)
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2 Kommentare zu Once Upon a Time in Hollywood ist überraschend

  1. Nachdem ich aus dem Kino kam, war ich durchaus angetan von dem Film. Nach dem etwas schwächeren The hateful 8, für mich persönlich, wieder eine deutliche Steigerung. Vor allem das Zusammenspiel der ungleichen Charaktere DiCaprio und Pitt hat ganz hervorragend funktioniert. Da konnte ich auch mit ein paar „kleinen“ Längen ganz gut leben. Da ich den Lebenslauf von Bruce Lee nicht so genau kannte, fand ich die Kampf-Szene auch witzig und habe erst hinterher von dem kleinen Shitstorm mitbekommen. Ich finde, gerade so eine fast abgöttisch verehrte Persönlichkeit kann ein wenig Ironie gut vertragen, ohne das gleich das ganze Ansehen beschmutzt wird. Viel bemerkenswerter ist da eigentlich das Ende, bei dem Tarantino (genau wie bei Inglorius Basterds) auf die reale Geschichte pfeift und eine ganz eigene Interpretation abliefert. Ich werde mir den Film sicher noch öfters ansehen.

    • Hi Thomas, danke für den Kommentar!

      Und ja, das Ende war die absolute Krönung. Gerade weil es die Erwartungen untergraben und ein viel befriedigenderes Ende aufgetischt hat. 🙂 Und so typisch Tarantino war…

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