Warum Ready Player One wunderbar und grauenvoll zugleich ist

Ihr werdet zunächst bemerken, dass hier oben diesmal keine Bewertung der Marke 7 von 10 Nerd-Oasen steht. Obwohl das VIELLEICHT genau die Bewertung wäre, die ich dem Film geben würde… könnte… müsste?

Das Problem ist Folgendes. Der Film ist mit dem Buch kaum zu vergleichen. Mir war klar, dass ein Buch, gerade, wenn es eine derart hohe Informationsdichte aufweist, wie Ernest Clines Popkultur-Schock Ready Player One, nicht annähernd deckungsgleich auf die Kinoleinwand übertragen werden kann. Da müssen logischer Weise Zugeständnisse gemacht und Dinge optimiert werden, weil sie im Buch zwar toll klingen, auf der Leinwand aber vermutlich zu langatmig oder, gerade für einen Stephen Spielberg-Film, nicht spektakulär genug wären.

Doch inhaltlich hat man sich tatsächlich eher lose am Buch orientiert; Man könnte fast sagen: Ready Player One war höchstens vom Buch „inspiriert“. Denn bis auf die grobe Hauptstory über die virtuelle Spielwelt „Oasis“, in die sich alle fliehen, weil die Welt vor die Hunde geht; das Easter Egg des Schöpfers in der Simulation, und ein paar Kinder, die es finden, ist vom Buchinhalt nicht viel übrig geblieben.

Und genau deswegen kann ich keine Bewertung abgeben. Ich könnte zwar versuchen das Buch auszublenden und nur den Film als solches zu sehen, aber das wäre natürlich fake, denn in meinem Hinterkopf bäumen sich enttäuschte Erwartungen auf und fordern ihren Tribut. Sie würden das Ergebnis beeinflussen, ob ich will oder nicht. Ich bin befangen.

Darum werde ich nun einfach das Positive erzählen und euch darlegen, warum der Film trotzdem in gewisser Weise ein unterhaltsamer Meilenstein und durchaus sehr sehenswert ist. Und dann, nach einer Spoiler-Warnung, so groß wie ein Anime-Kampfroboter, werde ich euch sagen was mich enttäuscht hat, bzw. was Ready Player One auch hätte sein können/sollen.

Das Positive über Stephen Spielbergs Ready Player One zuerst:

Der Film haut optisch sowas von aus den Latschen!

Wie die Oasis, also Hallidays Mega-Spielwelt, dargestellt ist, hat mich absolut überzeugt. Die Action-Sequenzen sind teilweise atemberaubend und wie die Leute Gegenstände oder Fahrzeug aus dem „Äther“ des Programmcodes ziehen und in der Oasis Gestalt annehmen lassen, ist so abgefahren, dass ich sofort auch in die Oasis einziehen möchte.

Sehr viele Szenen und Schlüssel-Quests wurden durch neue ersetzt, die in einem Film vermutlich besser zur Geltung kommen. Und bei mindestens einer war das auch eine sehr gute Wahl. Natürlich blieb der fade Nachgeschmack nicht den Inhalt des Buches präsentiert zu bekommen, doch die neuen Quests, wie das schon im Trailer angeteaste Autorennen, machen zumindest ebenfalls Spaß und sind optisch brillant.

Auch das leicht abgeänderte Ende mit der moralisierenden Botschaft, dass wir zu viel Zeit in virtuellen Welten verbringen und damit aus den Augen verlieren, was die „richtige“ Realität für uns bereit hält, war ebenfalls passend für das Gesamtkonzept des Films.

Doch nun zu den Dingen, die mich meinen Kopf schütteln lassen wie Max Headroom auf Pilzen…

SPOILER! Darum ist Ready Player One für Kenner des Buchs grauenvoll! SPOILER!

  1. Dungeons & Dragons

Da wäre zunächst die banale Tatsache, dass die Macher ALLES verändert haben. Keine der 3 Quests um die Schlüssel ist geblieben! WARUM? Überhaupt würde ich sagen, dass vielleicht 5% vom Buch benutzt wurden. Alles andere wurde komplett ausgetauscht.

Gerade Fans des Buches und Dungeons & Dragons-Jünger dürfte das mehr als verärgern. Während das Buch fast zu einem Drittel nur von D&D handelt, ist im Film davon gerade mal die Fratze von der Tomb of Horrors, auf einen Lieferwagen gemalt, übrig geblieben. Die komplette erste Schlüsselquest, in der Wade mit Artemis einen Dungeon Crawl absolviert und am Ende gegen den Lich der Gruft das Automatenspiel Joust spielen muss, wurde komplett gegen das Autorennen ausgetauscht.

BUT WHY???

Gab es da einen Streit? Konnten sich die Produzenten nicht genug D&D-Rechte sichern? Die Quest wäre optisch und inhaltlich absolut tauglich und unterhaltsam für den Film gewesen. Gerade da Dungeons & Dragons dieser Tage ein Revival erlebt, das fast als Golden Age bezeichnet werden kann, hätte ich meinen Hintern darauf verwettet, dass sich Spielberg diesen Hype zur Befeuerung von Ready Player One nicht entgehen lassen will.

Ich meine, die 5.Edition ist die beste D&D Edition EVER, die Streams und Videos über D&D-Runden überfluten das Netz und jede Menge Hollywoodschauspieler bekennen sich zu ihrem Hobby. Beinahe täglich kommen neue dazu. Sogar Therapeuten benutzen dieser Tage D&D, um Jugendlichen zu helfen, verdammt noch mal!

  1. Wade Watts ist Parzival, der Held und Finder des „Grals“ NICHT Artemis!

Doch das allerschlimmste war für mich, dass sie die EINZIGE SPANNENDE REAL LIFE QUEST des Buchs der Political Correctness(?) geopfert haben.

Der ultra spannende Part gegen Ende des Buches, als sich Wade von der IOI gefangen nehmen lässt, um sich in deren Intranet hacken und für den Endkampf den Schutzschild über dem letzten Quest-Tor deaktivieren zu können, wurde komplett gegen SCHROTT ausgetauscht.

Natürlich muss eine Frau der eigentliche Held des Films sein. So und nicht anders wird es eben dieser Tage gemacht. Da muss es dann auch zu verschmerzen sein, dass Artemis zufällig gefangen wird, das Passwort von Konzernchef Nolan Sorrento findet (der es einfach so rumliegen lässt) und dessen VR-Stuhl hackt. Dann simulieren die Kinder ihm eine falsche Realität, um ihn zu täuschen, und das, obwohl die Grafik der virtuellen Welt EIGENTLICH ja immer deutlich abzugrenzen ist. WTF.

Überhaupt wurde die ganze Dramatik arg runtergefahren; wenn nicht mit Füßen getreten. Natürlich durfte im Film auch niemand sterben. Das sind doch noch KINDER!

  1. Gnadenlose Popkulturschere für die Mainstream-Tauglichkeit

Ich kann gar nicht aufzählen, wie viele Autos, Flugzeuge, Raumschiffe und Kampfroboter der super reiche Parzival gegen Ende im Buch besitzt. Trotzdem fährt er im Film immer nur mit dem Delorean rum. Klar, weil den kennt eben jeder Depp.

Das wird nur dann peinlich, wenn er bei der letzten Schlacht versucht mit dem Auto über das Schlachtfeld zu ackern, anstatt, wie im Buch, mit seinem geilen fliegenden Mech an der Schlacht teilzunehmen. Überhaupt ist von den vielen namhaften Superrobotern, die am Ende gegen Mecha-Godzilla kämpfen, nicht viel übrig. Da muss der Iron Giant reichen. Die ganze Anime-Kacke kennt doch eh keiner. Gundam darf noch, aber wer ist Leopardon? Oh mann. Kurz, im Film kam viel vor, aber gegen das Buch dann doch leider traurig wenig und nur Mainstream-taugliches.

  1. Glaubwürdigkeit der Charaktere und der Quests

Es kam im Film leider überhaupt nicht rüber wie unfassbar schwer die Quests waren und wie unfassbar belesen und nerdig Wade sein musste, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben. Dass er auch noch ein Leben hatte und zur Schule musste, wo er dann heimlich weiter Fakten über Halliday gelernt hat, fehlt leider auch komplett.

Es war einfach viel zu leicht das Imperium von Halliday und die Macht über die Oasis (und die Welt) zu ergattern. Selbst meinen Mitstreitern im Kino, die beide das Buch nicht gelesen hatten, kam das alles „viel zu schnell“ und teilweise „unglaubwürdig“ vor. War es im Buch aber nicht. Schade.

Tja, wie gesagt, der Film ist für sich genommen, sehr unterhaltsam und sicherlich gelungen. Aber ich kenne keinen anderen Fall, wo die Buchvorlage SO VIEL BESSER ist.

Im Grunde habt ihr jetzt 2 Möglichkeiten.

Entweder, ihr lest – falls noch nicht geschehen – schnell das mit 80er Popkultur vollgestopfte GEILE BUCH und heult dann im Film.

Oder ihr geht erst in den Film, freut euch ein bisschen, werdet dadurch neugierig auf das Buch, lest es und heult dann hinterher.

Über Thilo (1685 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

17 Kommentare zu Warum Ready Player One wunderbar und grauenvoll zugleich ist

  1. Danke.. hab mir sowas schon gedacht.

  2. Oh man, das liest sich ja tatsächlich eher bescheiden. Ich habe das Buch geliebt und habe mich gerade darauf gefreut die Quests à la „War Games“ auch im Film umgesetzt zu sehen. Schade, dass davon wohl nichts übrig bleibt. Die Trailer haben mich dennoch begeistert. Mal sehen, ob ich noch dazu komme, den Film im Kino zu sehen…

    • Tja, genau diese Quests sind es, die auf der Leinwand vermutlich zu unspektakulär gekommen wären. Tatsächlich hat man guten Ersatz gefunden, den ich nicht spoilern will. Ist eben trotzdem für Buch Liebhaber wie uns schade, dass echt ALLES ausgetauscht wurde. Wenn auch teilweise gegen gute Sachen. Nur Leider fehlen auch einfach ein paar Handlungsstränge, die imo das Buch aus einer reinen Ansammlung von Popkulturverweisen gehoben und zu einem richtigen Roman gemacht haben. Siehe Parcivals Festnahme und Hack ins Intranet. Wer das Buch ausblenden kann oder es noch nicht gelesen hat, sollte den Film trotzdem auf jeden Fall auf der großen Leinwand und in Dolby Atmos schauen. Denn dafür wurde Kino gemacht. 🙂

  3. Hab den Text noch nicht gelesen, aber oft ist ein Film ja anders als ein Buch/Hörbuch. Hab das Hörbuch auf Spotify zig mal gehört weil die Story einfach fesselt. Im Film ist alles etwas anders und ich hab ihn noch nicht mal gesehen ‍♂️

    • yep, da hast Du vollkommen recht. Aber speziell bei diesem Film fand ich es besonders schlimm, weil fast nichts mehr vom Buchinhalt übrig ist. Das fand ich dann doch krass. Ließ mal den Text… 😉

    • hab ich danach gemacht als ich Zeit hatte und sogar die Spoiler mitgelesen und irgendwie nach dem längeren Trailer auch kaum was anderes erwartet 😒 ich bleib beim Hörbuch 😍

  4. Er sagt es doch am Ende das mit 80er Popkultur vollgestopfte Buch…, Tja meine Güte das ist fast 40 Jahre her

  5. Hmmm, dann wohl kein Geld von mir Spielberg. Was ein Glück, dass die meistgezeigte Popculture ein Wagen aus seinem Film ist. Zufall Morpheus?
    Da ich „leider“ schon das Buch gelesen habe und die Story NUR wegen der zahlreichen, gelungenen Anspielungen, ihm als ersten Finder des Schlüssels und vor allem seinem recht cleveren Einbuchtungs-Coup wirklich gut ist brauche ich den Film für schillernde Farben nicht zu schauen.
    Dann schaue ich halt nochmal Thor Ragnarok 😉 Mit Met und rotem Fleisch am Knochen.

    • Hab das Buch nicht gelesen, den Film ohne hohe Erwartungen angesehen und war am Ende Happy für den Trip durch meine Jugend. Würds mir definitiv wieder ansehen.

    • Dennis Horn ja, ich denke, wenn man das Buch nicht kennt, hat man das beste Erlebnis. Falls du auch gerne liest, würde ich dir raten jetzt auch noch das Buch zu lesen 🙂 denn das ist der Overkill Trip durch deine Jugend dann 😉

  6. Eines stört mich an der Kritik.

    Der Regisseur heißt „Steven“ Spielberg und nicht „Stephen“.

  7. Warum wundert es mich nicht, dass wieder alle „rumheulen“, weil das Buch so viel besser ist, als der Film. Das ging mir damals bei Herr der Ringe unter einigen Rollenspieler Freunden schon auf den Keks 😉

    Ja die Buchvorlage ist wohl viel besser… (habs noch nicht gelesen) aber bei guten Büchern hat ein Film ja auch erwartungsgemäß oft einige Defizite. Mir fällt jedenfalls grad kein echt gutes Buch ein, das eine mindestens genauso gute Verfilmung hatte. Da gibt es vieles, das aus 1000 Gründen anders, gar nicht oder für manche nicht gut genug umgesetzt wird. Lizenzen, der Zielgruppenspagat (damit im aktuellen Fall auch Nicht-Nerds den Film gut finden können) und letztendlich die Spielzeit, die mit ich glaube 140 Minuten knapp an einer Überlänge vorbei geschrammt ist.

    Für mich hätte der Film gerne noch eine halbe Stunde länger dauern können, um noch etwas mehr Zeug reinzupacken, ohne dass man einen Anfall bekommt. 😉 Sobald der Film auf BluRay erhältlich ist, wird er gekauft. Oh man, bin ich ein Konsumopfer

    Ich habe wohl mindestens ein Drittel der Anspielungen gar nicht mitbekommen und finde den Film trotzdem schon klasse.

    • nene, so einfach ist das in dem Fall nicht 🙂 Herr der Ringe war eine Super Buchverfilmung. Da war ..ka…80% vom Inhalt da. Bei Ready Player One ist das kein Geheule. Der Film ist auch so gut, war gut unterhalten und werde den auf Bluray auch nochmal gucken. Aber der Inhalt war einfach komplett anders. Was meist nicht nötig gewesen wäre. Ich vermute da auch Lizenzprobleme…

  8. Habe ich mir aufgrund der Trailer schon gedacht.

  9. Hoffentlich wird es nicht mein zweites „World War Z“ (geiles Buch, gruselig schlechte Umsetzung)…

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