Zeitmaschine (vor 500 Artikeln):

Das Leben ist ein Spiel, also spielt es gefälligst auch!

Meine Magierin „Slipstream“ steht vor einem Elf mit Antennenohren, während ich ungeduldig Dialogzeilen wegklicke.

Was will er denn jetzt noch, damit ich die Quest-Reihe beenden kann?

Ich soll noch mal in die Höhlen von Dingsbums zurück und ihm zwanzig schillernde Mongo-Eier sammeln? KEIN PROBLEM, Junge! Zum gefühlt hundertsten Mal renne ich durch denselben Landstrich, zurück in die Höhle, die ich nun schon wie meine Westentasche kenne, um dort schon wieder dieselben Gegner zu töten, die dort pflichtbewusst re-inkarniert sind, damit ich sie erneut aus den Latschen hauen kann. Aber die verlieren eben die Mongo-Eier, die ich doch so dringend brauche! Denn wenn ich meinem Auftraggeber zwanzig davon bringe, bekomme ich doch endlich die seltene, magische Gürtelschnalle, die meinen Zauberschaden auf 9 erhöht. Meine alte Schnalle gibt nämlich nur magere 8. Das lohnt sich also. Und später kann ich dann endlich weiter für mein episches Reittier „farmen“, was mit 5000 Goldmünzen recht happig zu digitalem Buche schlägt. Da werde ich nochmal richtig die Zähne zusammenbeißen und mich selbst überwinden müssen, um immer und immer wieder dieselben Gegenden zu bereisen und dort unzählige Feinde zu töten und seltsame Utensilien zu sammeln.

Aber was muss, das muss.

„Grinding“ nennt sich diese Spielmechanik, die sich beispielsweise das extrem erfolgreiche Spiel World of Warcraft zu Nutze macht, um seine Spieler beschäftigt zu halten. Wäre ich im richtigen Leben auch nur ein Hundertstel so weit gelaufen, wie mein Charakter im Spiel, dann wäre ich jetzt vermutlich ein weltweit bekannter Marathonläufer. Aber dieses „Achievement“ würde mir eben nicht in so einem lustigen bunten Kasten angezeigt wie bei WoW…

Es ist verblüffend wie wir Menschen manchmal schon jammern, wenn wir nur um die Ecke zum Briefkasten gehen sollen. Oder wenn die „Real Life“-Quest lautet: „Geh in den Supermarkt und sammle 15 Lebensmittel. Belohnung: Du verhungerst nicht.“ Aber vermutlich ist die Gefahr nicht greifbar genug und bietet keinen ausreichenden Anreiz. Dann spielen wir lieber ein „Survival Game“, in dem wir einen Pixel-Robinson Crusoe verkörpern, der wirklich in den Sand beißt, wenn er nicht bald Frischwasser oder ein paar Kokosnüsse findet. Doch so etwas kann uns im richtigen Leben ja nicht passieren, weil Mama (Ehefrau, Lieferservice…) den Kühlschrank vollgemacht hat.

Was den meisten von uns bei diesem lustigen „Rücken-krumm-Sitzen“ vor dem PC oder der Spielkonsole nicht ganz klar zu sein scheint, ist die banale Erkenntnis, dass wir uns bereits in einem Spiel mit Aufgaben und Belohnungen befinden. Ich spreche jetzt nicht von der Ancestor Simulation, von der Elon Musk ja überzeugt ist, dass wir in so einer bereits zwingend leben müssten. (Und selbst, wenn, dann würde es für uns keinen Unterschied machen, da wir ohnehin nur die Matrix als unsere Realität kennen gelernt und somit keinen Vergleich haben.)

Nein, ich spreche von der verspielten Natur des Universums. Als Kind haben wir ganz selbstverständlich unsere Tage mit sorglosem Spielen verbracht. Und letztlich hat sich dieses Grundprinzip menschlichen Lebens auch im erwachsenen Alter nicht geändert. Die meisten von uns spielen nur komplexere und „erwachsenere“ Spiele. Da Bauklötze nicht mehr so richtig faszinieren können, toben wir uns nun aus im Liebesspiel, beim Brettspiel oder einem Saufspiel. Natürlich gibt es auch so etwas wie den „Ernst des Lebens“. Zumindest behaupten das einige Menschen. Doch letztlich bleibt uns allen immer selbst überlassen, wie ernst wir dieses „Spiel des Lebens“ nehmen.

Denn sind wir mal ehrlich: Wie sollen wir ein Leben so richtig ernst nehmen, das

  1. ohne Vorwarnung beginnt,
  2. uns nicht vorher gefragt hat, ob wir überhaupt teilnehmen möchten, und das uns
  3. aus dem Uterus direkt ins ewige Nichts des Grabes ballert?

Was spielt es bitte nach dem Tod noch für eine Rolle, was jeder von uns in dem kurzen Existenzfunken getrieben hat, der zwischen zwei scheinbar ewigen Dunkelheiten eingeschlossen ist, wie ein einsames Gürkchen zwischen zwei langweiligen Weißbrotscheiben? Genau! Es spielt nicht die geringste Rolle, weil danach alles so ist, als wäre alles nie gewesen!

*Tusch*

Was ich damit einfach nur sagen und euch dringend ans Herz legen möchte: PLAY MORE. Aber eben nicht immer nur vor flimmernde Kisten gebeugt oder mit dem Handy in der Hand. Denn das ist ja so, als würdet ihr ein Spiel im Spiel spielen. Wie Maniac Mansion – Day of the Tentacle und andere Games gezeigt haben, können solche „Minigames“ für eine Weile ganz spannend und lustig sein, doch auf Dauer sollten wir doch auch im “Hauptspiel” weiter kommen, oder? Ich weiß nicht, wie es euch ergangen ist, aber ich hatte mir damals Day of the Tentacle nicht gekauft, um mich darin vor einen virtuellen Screen zu setzen und nochmal Maniac Mansion 1 zu spielen.

Als kleine Inspiration habe ich deshalb hier für euch ein paar Real Life-Quests, bei denen ihr ganz easy eure Real Life-Stats aufpolieren könnt:

  • Das Buch lesen, was schon viel zu lange auf eurem Nachtisch vergeblich nach euch ruft. (+30 Weisheit)
  • Einen Apfel essen (+50 Gesundheit, -20 Doktor-Wahrscheinlichkeit)
  • Den Rasen mähen (+20 Körperkraft, +10 Ausdauer)
  • Einem beliebigen Menschen auf der Straße ein Lächeln schenken (+100 Liebe, +100 Glück, +50 Gesundheit)

Muss ich jetzt wirklich noch fortfahren? Geht und sammelt Erfahrungspunkte! Euer Real Life-Avatar wird es euch danken! Ansonsten könnt ihr ihn ja gleich in eine Art Tank mit Konservierungsmittel legen und nur noch zocken. Moment, wo habe ich dieses Bild schon mal gesehen…?

Über Thilo (1602 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

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