Zeitmaschine (vor 500 Artikeln):

Von Chlor und Honig

Das Becken – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2007. Dies sind die Abenteuer einer neuen Badehose, die mit ihrer 1 Mann starken Besatzung ca. 20 Minuten unterwegs ist, um unbekannte Wassermassen zu erforschen, alte Pflaster und Körperflüssigkeiten. Viele Kilometer von zu Hause entfernt, dringt die Badehose in einen Mikrokosmos vor, den nie ein Mensch hätte sehen sollen.

Nachdem ein befreundetes Flachpfeifen-Pärchen mich wegen hanebüchener Gründe versetzt hat, stehe ich allein vor hektoliterweise unberührtem Chlor. So kurz vor Ende der Öffnungszeit des Bades pflügt nur noch ein faltiger, mindestens 80-jähriger Fisch mit hypnotisch-bunter Badekappe durch das durchstrullte Wasser des benachtbarten Kinderbeckens.
Perfekt. Ich kann also ganz ungestört und vor allem unbeobachtet meine Bahnen ziehen. Vor gut einem Jahr habe ich bei so einer Gelegenheit noch mindestens 2 km runtergerissen, alternierend Brust und Kraul, 40 Bahnen. Der Spiegel in der Umkleide hat mir jedoch verraten, dass ich diesmal durchaus auch mit 1000 Metern zufrieden sein darf. Die unbarmherzigen, unsichtbaren Fett-Wichtel im Büro haben meinen einst durch Joggen und Schwimmen wohl-definierten Körper gerade im Hüftbereich mit einer schützenden Lipid-Schicht umhäkelt. Bastarde!
Mit einem Seufzer lasse ich mich vom Rand in die warme Pisse gleiten und befestige die Schwimmbrille mit einem schmatzenden Geräusch in meinem Gesicht. Dann tauche ich und stoße mich unter Wasser von der Wand ab, um den alten Kahn in Fahrt zu bringen.

Die ersten 250 Meter:

Ich bin verblüfft wie schnell und ausdauernd ich voran komme. Schwimmen scheint da wie Fahrradfahren zu sein: Hat man die Technik erstmal verinnerlicht, verlernt man sie nicht mehr. Seit ich meinen Schwimmstil durch die entwürdigenden Äußerungen meiner damaligen Freundin animiert (wer wird schon gerne als verreckender Schaufelraddampfer bezeichnet?) und durch eine Bewegungsstudie aus dem Internet angeleitet, überarbeitet habe, bin ich ein echt guter Schwimmer geworden. Trotzdem merke ich gegen Ende des ersten Viertels, dass meine entwöhnten Muskeln Schmerzsignale an mein Hirn senden. Ich schalte sicherheitshalber erstmal auf entspannenderes Brustschwimmen um.

500 Meter:

Plötzlich, als ich gerade unter Wasser den schwarzen Strich ausmache, der die Beckenmitte markiert, spüre ich Stiche in der Brustgegend. Ein Herzinfarkt?
Frustriert überlege ich mir wie es wäre, jetzt hier, vom hirnlosen Bademeister unbeachtet, in der lauwarmen Plörre abzusaufen. Sang- und klanglos, ohne herzzereissende Geigenmusik oder das Wehklagen eines verzweifelten Weibes, einfach so. Erst nach ein paar Tagen würde man mich finden, weil mein Hintern den Bodenfilter verstopft hat und die Chlorwerte gefährlich angestiegen sind. Vielleicht hätte ich dadurch wenigstens noch ein paar nörgelnde Opis und Omis mitgenommen. Aber die schöne, neue Badehose…
Doch genau so schnell wie sie gekommen sind, verschwinden die Stiche auch wieder und ich rufe mir die feinen Nervenverästelungen in Erinnerung, die vom Rücken gürtelartig bis in die Brust wuchern: Langes Brustschwimmen – Hohlkreuz – sich verschiebende Wirbel – Bingo! Also kein Grund zur Beunruhigung. Trotzdem bin ich nach 500 Metern so alle, dass ich jede Bahn für die letzte halte. Immer wenn ich mit dem Kopf unter Wasser tauche meine ich die Wasserleichen von Elbenkriegern vorüberschwimmen zu sehen. Frodooooo…. Die Sinnestäuschungen eines Fantasy-Freaks, hervorgerufen durch muskuläre Überanstrengung.

750 Meter:

Plötzlich wirkt Popeyes Spinat. Ich weiß nicht warum, aber ich schwimme wie ein junger Gott, als mein Körper sich mit einem genervten „Ja, guuuuut…“ dazu entschließt die Energiereserven anzuzapfen und von „stand-by, vielleicht hört er ja freiwillig auf“ auf „eingeschwommen, ready for action“ umschaltet. Ich schwimme nur noch Kraul und fühle mich warm und elastisch. Ich erinnere mich, dass beim Schwimmen immer irgendwann dieser „Afterburner-Effekt“ einsetzt.

1000 Meter

Leider erinnere ich mich nicht mehr, dass der auch recht schnell wieder abklingt, wenn man es übertreibt. Die 20. Bahn kommt mir vor, als müsse ich eine Gebirgsschnelle aus Honig hinaufschwimmen. Etwas zu früh will ich nach dem rettenden Rand greifen und gehe mit einem Röcheln unspektakulär unter. Als ich kraftlos mit Aal-artigen Schlengelbewegungen in Richtung Treppe tauche, denke ich nur noch: „Ich bete nicht oft zu dir, aber wenn es dich wirklich gibt…hilf mir Aquaman!“
Auf der Treppe sitzend und wieder zu Atem gekommen schwimme ich noch 2 langsame Bahnen aus und begebe mich unter die Dusche. Ich werde jetzt 2 mal die Woche schwimmen gehen, um mal wieder in Form zu kommen und dem Bürodauersitzen entgegen zu wirken. Wieder Zu Hause angekommen, bekomme ich dann noch durch all das ausgeschüttete Serotonin und einen halben Liter geexte Cola einen unkontrollierbaren Lachflash. Das muss man also machen, um im Arbeitsleben mal wieder so richtig herzhaft lachen zu können… *g*

Über Thilo (1631 Artikel)
<p>Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.</p>

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