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Wieviel Schaden macht Sean Connerys Daumen?

Sean Connerys Daumen

Ich gelobe feierlich, dass nun (ausnahmsweise) nichts Unanständiges folgen wird.

Es geht um eine gewagte These, die viele deutsche und noch mehr englische Rollenspiel-Blogger in Aufruhr versetzt hat und die ich aus noch zu nennenden Gründen ebenfalls nicht links liegen lassen kann. An dieser Stelle schon einmal Glückwunsch zu diesem erfolgreichen Link-Bait!

Derzeitig ereifert sich die Pen & Paper-Gemeinde über die Meinung eines gewissen John Wick, der in seinem Artikel Chess is not an RPG: The Illusion of Game Balance einfach mal frech behauptet hat, dass sowohl Schach, als auch die meisten Editionen von Dungeons & Dragons keine Rollenspiele wären, weil man sie erfolgreich spielen könne ohne „Rollen zu spielen.“ Zitat: Can you successfully play D&D 1st, 2nd, 3rd and 4th edition without roleplaying? Yes, you can.

Ok, wow, da fällt mir erst mal alles aus dem unrasierten Gesicht. Wie kann Mr. Wick, der sich damit brüstet Designer von über 20 Rollenspielen zu sein, so einen Bullshit behaupten? Hat er überhaupt schon mal D&D gespielt? Dann wäre ihm vielleicht auf gefallen, dass das nicht möglich ist. Es sei denn, immer wenn der Spielleiter seinen Charakter durch den Mund eines NPCs etwas fragt, und so dazu nötigt, seine Rolle zu spielen, schüttelt er nur trotzig den Kopf und gestikuliert flehentlich in Richtung der Würfel.

Natürlich verstehe ich seinen Kritikpunkt, dass komplizierte Regeln und ellenlange Ausrüstungs-Listen dazu tendieren den Spielfluss, und damit das Rollenspiel, zu stören. Bei dem beinahe krampfhaften Versuch ein faires Spielerlebnis für alle Beteiligten zu schaffen geht manchmal das Geschichtenerzählen im Sumpf von Regeln und taktischen Kämpfen unter. Insofern hat Wick recht, wenn er sagt, dass die 4th Edition ein “very sophisticated, intricate and complicated combat simulation board game” ist. Darum rät er uns: “And you need to stop it. Because all that crap is getting in the way of telling a good story.”

Damit vergisst er jedoch eine äußerst wichtige Tatsache: Ein “Roleplaying Game” besteht eben aus genau diesen 2 Komponenten, dem Roleplaying-Part und dem Game-Part. Denn sonst wäre es ja nur pures Rollenspielen, ohne Regeln und Halteseile. Warum das schlecht wäre? Na, weil es dann kein Pen & Paper mehr wäre, sondern eine Laien-Schauspieler-Jam-Session. Und wenn alle Akteure gleichzeitig dieselbe Geschichte weiter stricken, läuft schnell alles aus dem Ruder. Für sowas sind eben die Regeln und ein Spielleiter da. Denn wenn der gnomische Barde in der Truppe sagt, dass er den Oger-Häuptling nun gerne einfach mit einem eingesprungenen Hieb seines DAUMENS enthaupten würde, weil er das für eine witzige Idee hält, dann möchte ich als Spielleiter Im Sinne aller Anwesenden durch gewisse Regeln gestützt intervenieren können. Gerade, weil es ja auch die Spannung bei Würfelwürfen und Werten ist, die Pen & Paper so spaßig macht und häufig zur Entfaltung einer ganz neuen, unerwarteten Story führt.

Ich betone das so, weil laut John Wick durch Regeln im Rollenspiel Riddick niemanden mit einer Teetasse töten und Lieutenant Colonel Alan Caldwell in The Presidio einen fetten Schläger nicht mit dem Daumen besiegen könnte. Da muss ich mich doch sehr über die Wahl dieser Beispiele oder den Geschmack von Herrn Wick wundern. Denn wenn er diese vielleicht witzige, aber wirklich himmelschreiend alberne, konstruierte und unlogische Szene mit Sean Connery in The Presidio für wünschenswertes und gutes Storytelling hält, möchte ich einen großen Bogen um alle Games machen, die er inhaltlich designed hat.

Außerdem ist so ein Death by Tea Cup, wie in Riddick zu sehen, selbstverständlich auch im Rahmen von balancierten Regeln möglich, wenn z.B. der superstarke Krieger dem 1st Level Tavern Brawler mit Stärke 20 seine improvisierte Waffe überbrät. Klar kann der dann davon hops gehen. Und wo bitte waren da jetzt Regeln im Weg von gutem Storytelling?

Aber das Beste (lies: ALLERDÜMMSTE), was John Wick in seinem prätentiösen Artikel vom Stapel gelassen hat, und was mir den letzten Schubs gegeben hat, ebenfalls mit einem Artikel darauf zu reagieren, war diese Perle: Because this is a roleplaying game, and that means you roleplay. You don’t get to say, “I have a high charisma because I’m not very good at roleplaying.” My response to that is, “Then, you should get better at it. And you won’t get any better by just rolling dice. You’ll only get better by roleplaying.”

Wow, bei so viel offener Diskriminierung bleibt mir echt die Spucke weg. Das bedeutet also auch, dass jemand, der nicht jede Problemstellung durch seine Weisheit und seine cleveren Einfälle im Rollenspiel lösen kann, nie einen Magier spielen darf. Denn wie wir durch Terry Goodkinds erstes Gesetz der Magie wissen, ist ein Magier nicht in erster Linie durch seine Zaubersprüche, sondern durch seine Intelligenz anderen Wesen überlegen. Tja, schade, aber John Wick hat’s gesagt: Wenn Du kein Charisma hast oder weder schlau noch schlagfertig bist, dann darfst Du wohl nur einen wortkargen Schläger spielen. Denn im Rollenspiel geht’s ja auch überhaupt nicht darum mal in neue und fantastische Rollen zu schlüpfen und sich selbst auszuprobieren. Mir will nicht in die Birne, dass Wick nicht erkennt, dass gerade darin der Charme der Werte und Regeln liegt: Leuten zu ermöglichen etwas sehr Charismatisches oder Intelligentes zu tun, auch wenn das Rollenspiel nicht Oskar verdächtig war. Wow, es muss echt stressig sein in John Wicks Pen & Paper-Runde aus Shakespeare-Darstellern mitzuspielen.

Also, mein Fazit: Ein „Roleplaying Game“ sollte als erste obligatorische Komponente übersichtliche und schnell anwendbare Regeln besitzen, damit das Rollenspiel, die zweite Komponente des Pen & Paper, möglichst reibungslos und spannend ablaufen kann. Und ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass dies seit langer Zeit der 5th-Edition von D&D (und sicherlich auch vielen anderen „leichten“ Systemen) mal wieder richtig gut gelungen ist. Der Regler wurde, im krassen Kontrast zur 4th-Edition, wieder deutlich von überpräzisem Game Balancing zu Storytelling verschoben. Doch einen Artikel selbstgefällig und prätentiös mit der mysteriösen Überschrift „The Illusion of Game Balance“ zu schmücken und dann zu behaupten, man könne D&D ohne Rollenspiel spielen, ist im besten Fall einfach nur dumm.

Aber genug Nerd-Rant und zurück zur Ausgangsfrage: Wieviel Schaden macht denn jetzt Sean Connerys Daumen?

Keine Ahnung, aber nicht so viel wie sein anderer Daumen.

Über Thilo (1647 Artikel)
<p>Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.</p>

50 Kommentare zu Wieviel Schaden macht Sean Connerys Daumen?

  1. Du kannst ja ordentlich schreiben! Ein Weltbild wurde erschüttert!

  2. Ich sehe viele DInge, so wie Du. Aber ich habe in meiner eher überschaubaren Zeit mit D&D einige wenige Spielrunden in der Art und Weise verbracht, dass sie Mr. Wicks Einstellung unterstützen. Die Spieler waren auf einen Sieg aus. XP, Schätze und dergleichen. Und sie wussten, wofür es XP gab und das war ihr Ziel. Ich fühlte mich als Mitspieler und auch ein Mal als Spielleiter etwas überfordert.
    Ich teile auch Deine Auffassung zur Diskriminierung von Spielern voll und ganz. Und dennoch bin ich ein großer Fan davon, der Balance (unter den Spielern?) das generelle Existenzrecht in einer Spielrunde abzusprechen. Die Spielrunde bestimmt was geht und unterwerfen die Regeln im Zweifel ihren Wunsch. Nicht anders herum.

  3. Musste ich auch dringend kommentieren.

  4. Klar, if you dont like a rule change it … bzw. Regeln gehören den Wünschen untergeordnet. Auch meine Meinung. Aber ich wehre mich gegen die Absolutheit, die bei „The Illusion of Game Balance“ mitschwingt. Balance sollte zumindest die Grundlage sein; dass von da aus in einem so komplexen Medium wie Pen & Paper dann gewisse Dynamiken und Mechaniken entstehen, die nicht in der Balance sind, ist ja klar und teilweise auch gewollt.

    Und natürlich hatte jeder in jüngeren Jahren seine Powerplay-Zeit, in der Monster töten und Exp und Loot kassieren im Vordergrund standen. Doch selbst da war Rollenspiel ein wichtiger und obligatorischer Teil. Nur weil die Gewichtung da anders war, heißt das noch lange nicht, dass es ohne Rollenspiel funktioniert hätte… was der Typ ja behauptet 🙂

  5. Danke für Deinen Kommentar… habs auch wieder kommentiert 😉

  6. btw – /flameproof suite on/ – D&D sucks

  7. ^^ teilweise tat es das früher auch, aber mit der neusten Edition nicht mehr. Sagen sogar viele Ex-Hater 😉

  8. grad die neue Edition finde ich viel zu langweilig. Zu wenig Optionen im Gefecht, zu simpel

  9. In Deinem Alter noch ein Powerplayer, für den Kampfregeln das wichtigste sind? Hmkay… jeder Jeck ist anders. Aber ich kann nur sagen, dass die Kämpfe durch die einfachen Regeln, die im Prinzip jedes nur erdenkliche Manöver unkompliziert abbilden lassen, ohne die LOgik komplett mit Füßen zu treten, in meinen letzten Runden noch nie aufregender, schneller und cineastischer waren. Period.

  10. Nein, atmosphärischer Spieler, der aber gern im Gefecht taktisch vorgeht

  11. Dann spiel doch mal eine Runde in unserer Contact Runde mit. Danach bist Du reif für D&D. Hihihi!

  12. Das wiederspricht sich bei der neuen Edition auch nicht. Hast Du sie überhaupt schon gespielt? But, wait, auf die Diskussion, die ohnehin beidseitig auf subjektiver Präferenz beruht, lasse ich mich aus Zeitgründen jetzt mal nicht ein 😉

  13. Ja, habe ich. Und ist einfach nicht meins 😉 Contact wäre sogar sehr meines, wenn ich nicht der bin, der sich alles merken muss 😉

  14. D&D war aber nie meins, von daher …wobei ich fremdartigerweise Pathfinder mag

  15. Großartiger Artikel! Also, noch großartigerer als das was ich sonst auf Nerd-Wiki lese. (y)

  16. ok, sry, Roger Lewin, aber damit hast Du jetzt gerade 100% Deiner Glaubwürdigkeit bei mir verloren, denn Pathfinder ist 100% D&D. Sind ja gekaufte Rechte und nur der Name wurde geändert. Das bisschen, was die da von 3.5 zu Pathfinder, noch nicht mal geändert, sondern erweitert haben, macht es nicht zu etwas anderem. Damit ist eigentlich klar, dass Du nur aus Prinzip und Trotz gegen D&D bist. LAME… 😉

  17. Alles, was bisher kam und jetzt noch kommt, ist subjektiv. Ihr werdet Euch nicht einig!

  18. Was ich an Pathfinder mag , ist die Vielzahl der taktischen Optionen. Was ich an D&D5 nicht mag, ist die Simplizität. Was ich an beiden nicht mag, ist der D20 😛 Und persönliche Vorzüge, rein subjektiv, so unlogisch sie sein zu scheinen, haben mal rein gar nichts mit Glaubwürdigkeit zu tun. Glaubst Du, ich weiß nicht, dass Patfinder aus D&D3.5 erwachsen ist? Prfz

  19. Noch mein Senf. Ich krieg ja schon immer das Kribbeln, wenn Leute das Wort „Rollenspiel“ verwenden, um „Charakterspiel“ und „Interaktion“ zu umschreiben – aber hey, auch Kampf, Würfeln, am Tisch rumalbern, zusammen mit Freunden zusammensitzen sind Teile – im Idealfall gleichberechtigte (wobei natürlich jeder eigene Schwerpunkte setzen kann und soll, aber eben nicht die anderen Parts herabwürdigen sollte) – des Hobbies Rollenspiel.

    Ich find D&D 5 übrigens großartig und doch weniger taktisch als die beiden direkten Vorgänger und PF. Und dank OGL brauchten übrigens keine Rechte gekauft werden … 😉

  20. Ihr seid doch allen Arcane Codex Spieler…

  21. Wat, wer bist Du denn? /slap

  22. Wie passt denn AC plötzlich da rein?

  23. Wie passt denn AC plötzlich da rein?

  24. Naja, dieselben taktischen Optionen gabs in 3.5 auch schon, deshalb ist es schon seltsam D&D doof und PF gut zu finden. Außerdem: Wenn Du so auf taktisch abfährst, dann geh doch Brettspiel spielen 😉 And btw: Alle DSA-Spieler sind Pupser! Denn da sage ich „das war noch nie meins“ 😉

  25. Naja, dieselben taktischen Optionen gabs in 3.5 auch schon, deshalb ist es schon seltsam D&D doof und PF gut zu finden. Außerdem: Wenn Du so auf taktisch abfährst, dann geh doch Brettspiel spielen 😉 And btw: Alle DSA-Spieler sind Pupser! Denn da sage ich „das war noch nie meins“ 😉

  26. Hab ich glaub ich das letzte Mal vor…äh…22 Jahren gespielt. Ist auch nicht meins.

  27. Hab ich glaub ich das letzte Mal vor…äh…22 Jahren gespielt. Ist auch nicht meins.

  28. Was ist denn Deins? Power, Plüsch und Plunder? 🙂

  29. Was ist denn Deins? Power, Plüsch und Plunder? 🙂

  30. Aktuell spiele ich Aberrant (White Wolf – Trinity Universe), Fate Core mit Fate Dresden Files (ein Regelmix) und ich will mit Das Lied von Eis und Feuer anfangen.

  31. Aktuell spiele ich Aberrant (White Wolf – Trinity Universe), Fate Core mit Fate Dresden Files (ein Regelmix) und ich will mit Das Lied von Eis und Feuer anfangen.

  32. Taktische Kämpfe und Fate passen auch nicht gerade zusammen ^^ Fate finde ich zu albern/simpel

  33. Taktische Kämpfe und Fate passen auch nicht gerade zusammen ^^ Fate finde ich zu albern/simpel

  34. Thank God for different tastes

  35. Thank God for different tastes

  36. Du hast mich nicht verstanden… IT SUCKS ASS! 😉

  37. Du hast mich nicht verstanden… IT SUCKS ASS! 😉

  38. Vielleicht muss man einfach mal sagen: DAS PERFEKTE ROLLENSPIELSYSTEM gibt es nicht.

  39. Vielleicht muss man einfach mal sagen: DAS PERFEKTE ROLLENSPIELSYSTEM gibt es nicht.

  40. Wat, wer bist Du denn? Thilo und ich zicken uns nur an, weil es uns Spaß macht 😉 Nicht ernst nehmen

  41. Wat, wer bist Du denn? Thilo und ich zicken uns nur an, weil es uns Spaß macht 😉 Nicht ernst nehmen

  42. Ja schon klar. Wollte nur mal meinen Senf dazu geben.

  43. Ja schon klar. Wollte nur mal meinen Senf dazu geben.

  44. und ich wette, da ist ein D&D Tattoo drauf!

  45. Ne, aber Haare 😛

  46. ….die zu einem D&D-LOgo gewachsen sind

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