Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands lässt den Urfilm sehr alt aussehen

© Netflix

Ich habe schon ein Schnäpschen getrunken, weil meine Nachbarin ihren 70. Geburtstag feiert. Hihi. Und da in Wein Wahrheit liegt, und in Schnaps sowieso, will ich mal schonungslos ehrlich sein: Ich war nie ein großer Fan von der Der Dunkle Kristall (1982).

*Dramatic Chipmunk*

In meinen 15 besten Fantasyfilmen aller Zeiten habe ich ihn zusammen mit dem anderen „Puppenfilm“, Labyrinth (1986), gerade mal unter den „Honorable Mentions“ abgehandelt. So, jetzt ist es raus.

Ja, ich weiß, dass Jim Hensons dunkler Kristall absoluter Kult ist und sich durch die genialen Puppen und Effekte tief in unserem Gedächtnis eingebrannt hat. Doch war er wirklich SO gut? Ich meine, als Film?

Nachdem ich ihn direkt im Anschluss an Netflix‘ Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands noch einmal geschaut habe, wäre ich fast eingeschlafen. Die neue Serie ist so viel moderner, komplexer und einfach besser! Gegen sein Quellenmaterial ist Ära des Widerstands so was wie Game of Thrones mit Puppen. Die Charaktere sind so viel tiefer und haben vielschichtige Dialoge. Wie allein die bösen Skekse untereinander intrigieren ist eine absolute Freude. Da kommt das bisschen böse Gucken und Quietschen aus dem Film nicht mehr ganz mit.

Ein guter Freund meinte das sei ja klar, weil der Film nun schon 37 Jahre auf dem Buckel hat. Da kann ich nur sagen, da ist Star Wars (1977) mit 42 Jahren aber besser gealtert…

Aber das hier soll ja kein Bashing des Films werden, der natürlich trotzdem seinen Platz unter den ersten, legendären Fantasyfilmen hat, sondern eine Lobeshymne auf die wirklich überraschend gute Serie.

Ich glaube, ich brauche das als Poster… © Netflix

Bei der Vorgeschichte kommen erneut wahnsinnig liebevoll gemachte Puppen und Bühnen zum Einsatz, die die Herzen der Fans des 80er-Vorbilds höher schlagen lassen. Für viele Landschaftsaufnahmen des Planeten Thra kam jedoch im Sinne einer moderneren Produktion und einer stimmigeren Atmosphäre CGI zum Einsatz. Die Symbiose ist wirklich mehr als gelungen und hat mich komplett verzaubert.

Dieser Zauber wäre allerdings eher hohl ohne die sympathischen Charaktere, die von allerhand namhaften Stars gesprochen werden. Sigourney Weaver als Erzählerin, Mark Hamill als der Gelehrte oder Simon Pegg als der intrigante Chamberlain wären für mich nur die wichtigsten. Überhaupt fand ich die Stimmen im Englischen schlicht schöner, auch wenn das Deutsche durchaus mithalten kann. Ich habe mir zum Vergleich mal eine ganze Folge auf Deutsch angeschaut, danach jedoch wieder zurück gewechselt. Ob man die mystische Geistesverbindung der Gelflinge nun „Dream fasting“ oder „Bilder strömen“ nennt, tut der eigentlichen Sache keinen Abbruch.

Deet und ihr Beschützer Hup © Netflix

Besonders habe ich mich in die gutherzige und charismatische Deet verliebt. Dass ich mit ihr mal gerne durch unterirdische Höhlen fliegen würde, ist vielleicht nicht weiter verwunderlich, wird sie doch von der äußerst charmanten Nathalie Emmanuel zum Leben erweckt. Bei Game of Thrones leider gestorben, ist sie nun scheinbar als begehrenswerte Puppe reinkarniert. Ich glaube, jetzt redet der erwähnte Schnaps.

Kommen wir zum nächsten Punkt: Der Rest der Charaktere. Die sind einfach alle gelungen, egal ob böser Skeks, guter Gelfling oder tapferer Podling. Ich bin mir sicher, dass nach dieser Serie in unzähligen D&D-Runden der goldige Podling Paladin „Hup“ auftauchen wird. Vielleicht als Gnom oder Halbling, aber auf jeden Fall mit einem heiligen +5 Löffel als Waffe.

Ich schweife schon wieder ab.

Die Serie ist wirklich ein Fest für Fantasy Fans, auch wenn ich sie wegen gelegentlicher Horror- und Ekel-Szenen Kindern nicht unbedingt zeigen würde. Selbst mich als Erwachsenen hat der Skeks mit der ewig Schleim- und Eiter-triefenden Fresse einiges an Nerven gekostet. Ich bin mir sicher, dass der bei sämtlichen Orgien draußen warten musste. BÄH.

Spiritualität im Dunklen Kristall

Als ganz und gar nicht kindgerecht und überraschend spirituell entpuppten (höhö) sich auch die philosophischeren Ebenen der Serie. Als Grundkonzept natürlich auch schon im Film vorhanden, wurde das Thema von spiritueller Einheit hier doch sehr eindringlich durch Dialoge und Handlungen nahe gebracht.

Wer jetzt trotz Aughras drittem Auge auf der Stirn nicht weiß, wovon ich rede, sollte sich mal die Grundidee näher anschauen: Die Urskekse haben sich durch den gesplitterten Kristall, der für ganz Thra steht, in die guten Mystiker (!) und die bösen Skekse aufgespalten. Tja, und wenn sie das nicht getan hätten, gäbe es keine Geschichte, die irgendwer erzählen könnte. Gut und Böse, Yin und Yang, Kontraste? Nein?

Wichtig ist dabei ohnehin nur die wunderschöne Botschaft, die damit transportiert wird: Alle Völker der Erde, Entschuldigung, von Gaia, äh, Thra, mögen an der Oberfläche sehr verschieden sein, sind hinter den Kulissen aber EINS. Alles und jeder kehrt am Ende wieder zurück zur Quelle.

Aber egal, wie viele Ebenen oder Denkanstöße man von der Serie Der Dunkle Kristall: Ära des Widerstands für sich extrahieren kann, sehenswert ist sie in jedem Fall. Ich finde, wenn es Filmemacher schaffen, dass mir beim Schicksal von Puppen vor Rührung manchmal fast die Tränen kommen, dann wurde irgendwas richtig gemacht. Und jetzt höre ich mir noch mal das Lied der All-Maudra-Zeremonie an und träume von Thra.

All-Maudra Ceremony Song | The Dark Crystal: Age of Resistance
Über Thilo (1786 Artikel)
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