Durchgezockt: RAGE – IDs Shooter ist verwässert

7 von 10 Wingsticks

In meiner Testosteron- und Adrenalin-geschwängerten Vorstellung sollte RAGE vom Gott der Ego-Shooter-Hersteller, ID Software, eine grafisch opulentere und brutalere Version von Fallout 3 sein. Und da ID mittlerweile ohnehin zu Fallout-Schmiede Bethesda gehört – spätestens im Spiel an den vielen umher stehenden Fallout-Wackelpuppen erkennbar – fand ich dieses Wunschdenken auch nicht zu weit her geholt. Leider jedoch hätten sich die Baller-Nerds von ID auf ihre Wurzeln besinnen und das Rollenspiel-Metier anderen überlassen sollen. Eine Zusammenfassung meiner Eindrücke zum Endzeit-Shooter gibt’s auf der nächsten Seite

Story:

Episch und mitreißend: Die Welt wurde verwüstet. Einige „Archen“, Miniraumschiffe, liegen über die Welt verstreut. In ihnen warten „Supermenschen“ darauf aus einer Stasis erweckt zu werden, um eine neu Welt zu bevölkern. Doch leider hat die „Authority“, eine korrupte Organisation, die Mutanten erschafft und den Rest der überlebenden Menschheit mit überlegener Technologie unterdrückt, nicht vor die Archen-Bewohner frei zu lassen. Insbesondere weil diese Supermenschen durch Nanoroboter in ihrem Blutstrom über außerordentliche Fähigkeiten und Regenerationskräfte verfügen. Man selbst ist natürlich so ein „Arc Survivor“ und kann sich praktischer Weise im Spiel, kurz bevor man stirbt, durch die Nano-Bots selbst defibrillieren und heilen.

Grafik:

Das Spiel bietet grandiose Kulissen mit tollem Detailreichtum. Der Weitblick in die von Hochhausgerippen und grotesken Gesteinsformationen übersäten Landschaft ist atemberaubend. Doch warum müssen in der Nahansicht matschige Texturen die Augen ermüden und beleidigen? Hätte man sonst keine vernünftige Performance mehr hinbekommen? Kann ich mir eigentlich kaum vorstellen. Und selbst wenn: Für den neuen Super-Shooter von ID kaufen sich die Leute zur Not auch neue Hardware. Ich habe mir damals nur wegen Doom überhaupt einen PC gekauft. Meinen ersten. True Story.
Auch nach einem ganzen Haufen Grafikkarten Updates und Game Patches ist mir das Spiel immer wieder abgeschmiert und hatte gerade bei Quicksaves häufig mal einen Freeze. Könnte auch an meinem Rechner gelegen haben, aber dass die hochauflösenden Texturen in manchen Leveln nicht nachgeladen haben, war wohl ein weit verbreitetes Problem. Sehr ärgerlich.

Sound und FX:

Die Musik ist cineastisch, aufregend und untermalt perfekt die unbarmherzige und lebensfeindliche Action im Ödland der Postapokalypse. Die Waffengeräusche und Explosionen sind allesamt knackig und passend. Besonders gut haben mit die Gespräche der Gegner untereinander gefallen. Anfangs, in Überzahl, sind diese noch recht arrogant, „Wo ist der Mistkerl? Gleich haben wir ihn! Ich wette, der scheißt sich gerade vor Angst in die Hose“, doch nach den ersten Opfern werden sie schon bescheidener, „Oh nein, scheisse, lauft! Bringt euch in Sicherheit! Das ist ja der helle Wahnsinn!“

rage

Gameplay:

Der Weitblick in den riesigen Außenleveln suggeriert eine unglaubliche Bewegungsfreiheit, die jedoch leider über einen sehr linearen Levelaufbau hinweg täuscht. Das Realitätsgefühl bekommt einen anständigen Dämpfer, da man von keiner Klippe abstürzen oder von Häuserdächern springen kann. Teilweise ist die Level-Führung sogar so stupide, dass man über eine 30 cm hohe Rohrleitung auf dem Boden nicht hinweg steigen kann.

Das was ID am besten kann, quasi die Haus und Hof Disziplin, nämlich der reinrassige Shooter-Anteil, macht natürlich einen Heidenspaß und ist atemberaubend in Szene gesetzt. Die Animationen von Waffen und Gegnern sind genial und lassen Adrenalin in rauen Mengen fließen. Besonders die Gegner KI und Bewegung schien mir überaus gelungen. Kannibalen, „Gearheads“ und andere Bewohner der Atomwüste rennen zickzack, vollführen Saltos und Rollen oder hangeln sich zur Not unter der Decke entlang, um den Schusssalven des Spielers zu entgehen.

Die vielen Extras zur Gegner-Dezimierung kamen mir allerdings größtenteils unnütz vor. Warum sollte ich mir umständlich eine Sentry Gun oder einen ferngesteuerten Sprengsatz basteln, wenn ich auch größte Befriedigung dabei empfinden kann, Gegner mit Granaten, Kugelsalven und Raketen wegzupusten? Einzig die Wingsticks, tödliche Boomerangs, mit denen sich Gegner prima enthaupten lassen, haben eine Menge Laune gemacht und passten perfekt zur Endzeit-Welt. Besonders, wenn man sich mal wieder leer geballert hatte, war man für ein paar Wingsticks immer dankbar.

Die Wüstenrennen mit den Buggys und anderen „Deathrace“-Fahrzeugen sind anfangs noch ganz unterhaltsam, nehmen jedoch einen viel zu großen Teil im Spiel ein. Bei einem First Person Shooter möchte ich nicht 50% der Zeit Autorennen fahren. Als atmosphärische Einlage hätte es auch gereicht, sich bei der Fahrt zwischen zwei Missionen wie Mad Max zu fühlen. Aber diese ganze Rennliga-Geschichte wurde mir irgendwann einfach zu langweilig. Neben dem personellen Equipment auch noch Autoersatzteile und – Waffen kaufen zu müssen, war irgendwie zu viel des Guten.

ragebuggy

Das Ende des Spiels wirkt extrem hingeschludert. Der letzte Questgeber erzeugt mit seiner Beschreibung der Authority Base, wo „unaussprechliche Grauen warten sollen“, einen freudige Erwartungshaltung, die schlimmer kaum enttäuschend werden könnte. Keine Riesenmutanten oder Killerroboter versperren den Weg und man ballert sich mühelos durch ein paar langweilige Gänge immer gleicher Gegner. Zudem bekommt man die beste Waffe im Spiel, eine Art Plasma-Minigun erst für die letzten Minuten, und dann gleich mit so viel Munition, dass man bis zur Endsequenz mühelos durchmarschieren kann. Das ist selbst für den Schwierigkeitsgrad „normal“ zu „fucking easy“. Auch das Aushängeschild jedes ID-Titels, die „Big Fucking Gun“ existiert leider nur in Form von Sondermunition für die Minigun und ist unspektakulär in Szene gesetzt. Doch das allerschlimmste war das Fehlen eines Endgegners. Man ballert Standardmutant 101 aus dem Weg und aktiviert das Satellitennetzwerk, welches die letzten Archen auf der Welt aus ihrer Stasis erlöst. Gewonnen, Endcredits, Spiel vorbei. Der haushohe Riesenmutant, den man schon in der Mitte des Spiels voll Raketen gepumpt hat, scheint der einzige Bosskampf im Spiel zu sein. Ultra-enttäuschend. WHY?

Rollenspiel-Ansätze:

Das ganze Auftrags- und Städte-/Siedlungssystem ist nach kürzester Zeit nervend und überflüssig. Der Versuch Fallout-mäßige Rollenspielelemente unterzubringen, verbleibt an der Oberfläche und zögert nur die nächste Actionsequenz hinaus. Da man ohnehin nicht aufsteigen und Attribute steigern kann, sondern immer nur Munition kaufen möchte/muss, ist der Reiz die vielen kleinen Neben-Quests zu machen, kaum gegeben. Auch das In-Game-Kartenspiel, sowie alle anderen Minigames wirken in diesem Pseudo-Rollenspiel eher deplatziert. Zwar tragen sie zur Atmosphäre bei, verwässern den Shooter jedoch nur noch mehr.

Fazit: Ich habe den Multiplayer-Part von Rage noch nicht getestet, doch ich wünsche mir, dass sich ID auf seine Wurzeln besinnt und demnächst einfach Quake Arena 4 abliefert. Rage hat in Momenten der pfeifenden Kugelsalven und platzenden Körperteile ID-typischen Spaß gemacht, doch alles andere war unnötiger Firlefanz. Bitte verwässert nicht euren eigenen Wein und konzentriert euch auf euer Kerngeschäft! C’mon guys, NEVER CHANGE A WINNING TEAM!

Über Thilo (1786 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

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