Captain Marvel ist wie ein 90er Jahre Ladebalken

© Marvel Studios / Walt Disney Studios Motion Pictures

5 von 10 Flerkens

Origin Stories sind im Superheldenuniversum eine Kunst für sich.

Im Grunde warten alle Zuschauer den gesamten Film darauf, dass der Superheld endlich mit sich ins Reine kommt, sich verwandelt, durch einen Unfall „geboren“ wird oder sonst wie seine Kräfte aktivieren kann, damit endlich möglichst viel Scheiße den Ventilator trifft. Denn dafür schauen wir uns doch Superheldenfilme in erster Linie an, oder? Für haarsträubende Super-Action.

Doch was, wenn diese Action bis zur zweiten Filmhälfte oder sogar bis zum Showdown warten muss?

Dann sollte die Story vorher verdammt gut geschrieben, sprich, witzig, anrührend, spannend oder am besten alles zusammen sein. Bisher hat das Marvel für mich eigentlich immer ganz gut gemacht. Doch leider hat sich Captain Marvel in dieser Hinsicht beinahe als Schlaftablette entpuppt.

Unsere verstörte Superheldin kämpft sehr lange mit angezogener Handbremse und die ruhigeren Momente sind durch langweilige Dialoge teilweise so langatmig, dass ich fast weggeschlummert wäre. Die ständigen Rückblenden, um Carol Danvers‘ Vergangenheit zu beleuchten, haben bei dem Film auch nicht gerade aufs Gaspedal gedrückt. Und zu allem Überfluss schien sich der Film diesbezüglich auch noch selbst auf die Schippe zu nehmen, als Fury und Marvel sich gemeinsam den Ladebalken eines veralteten Upload-Programms aus den 90ern anschauen

Leider hat sich für mich bewahrheitet, was ich nach Anschauen des ersten Captain Marvel-Trailers nicht wahrhaben wollte: Der Film ist für den derzeitigen Stand des Superheldenkinos einfach zu wenig innovativ oder rebellisch.

Schon nach Filmen wie Iron Man 3, Captain America 3 oder Avengers 2 war klar: es braucht nun bald frischen Wind, damit die Leute von der Standard-Superheldenformel nicht irgendwann gelangweilt sind. Und zack, Marvel reagierte, und gewährte uns Einblicke in neue, frische, schräge, manchmal fast verstörende neue Welten ihres Universums. Die Guardians of the Galaxy sind immer noch das beste Beispiel dafür. Als der erste Trailer davon im Netz landete, habe ich ihn mir so lange auf Dauerschleife angeschaut, bis ich ihn mitsprechen bzw. mitsingen konnte. Der Captain Marvel-Trailer sah nach Deadpool, Guardians, Thor Ragnarök oder Black Panther hingegen derart gewöhnlich aus, dass ich ihn sofort wieder vergessen hatte.

Was gibt es Positives über den weiblichen Supermann zu berichten?

© Marvel Studios / Walt Disney Studios Motion Pictures

Dazu muss ich zunächst auf Captain Marvels „Sidekicks“ eingehen, die ihr leider in jeder Hinsicht die Show stehlen. Der junge Nick Fury ist zum Schießen und Katze Goose ist ohnehin ein Kapitel für sich, das ich hier aber nicht spoilern möchte.

Ansonsten ist die Action solide und es macht Spaß Captain Marvel beim Ballern von Energieblitzen zuzuschauen. Leider ist das auch gleichzeitig ein großer Abturner des Films, denn ihre Kräfte sind verdammt langweilig. PEW! PEW! PEW! Ich schieße alles über den Haufen, was nicht einer Meinung mit mir ist (siehe unten dazu mehr). Selbst als endlich Frau Danvers‘ Fußfesseln abgelegt sind, erinnert sie auch nur an Torch von den Fantastischen 4, plus der Energieblitze. Nett anzusehen, aber eben nicht wirklich aufregend.

Hinzu kommt, dass Brie Larson Captain Marvel (vielleicht?) einfach nicht gut spielt. Ich weiß nicht, ob sie sich selbst dazu entschieden hat ausschließlich unterkühlt, unnahbar und pseudocool zu sein oder, ob das vom Drehbuch vorgegeben war. Für mich hat diese Entscheidung den Charakter jedoch nicht gerade sympathisch gemacht. Brie Larson ist hübsch und macht sicher einen guten Job, aber für mich in die falsche Richtung.

Ebenfalls etwas enttäuscht war ich vom Setting der 90er. Der Trailer hatte so gekonnt mit dem Blockbuster Video-Store gelockt. Doch letztlich standen nur zwei oder drei alte Spielhallenautomaten rum und ein paar 90er Songs wurden gespielt. Genau diese Momente haben auch Spaß gemacht, doch leider zieht Captain Marvel seine Nostalgie-Karte viel zu selten.

Von den beiden After Credits-Szenen ist eigentlich nur die erste überhaupt erwähnenswert, weil sie natürlich auf Avengers Endgame hinweist.

Tja schade! Viel Potenzial verschenkt. Besonders, wenn man sich den Powerlevel der Titelheldin vor Augen führt.

Miss Wiki, die den Film als größter weiblicher Marvel-Fan mit mir gesehen hat, sagte am Ende des Films sofort „5 von 10“ und ich muss ihr leider zustimmen. Der Film ist schmerhaft durchschnittlich. Ich hätte es im Vorfeld nicht für möglich gehalten, doch Captain Marvel fliegt unter dem Radar und ist für mich der schlechteste Marvel bisher.

Die Feminismus-Debatte: Show don’t tell!

© Marvel Studios / Walt Disney Studios Motion Pictures

Spoiler ab hier!

Eigentlich ist positiv zu vermelden, dass die Spekulationen im Vorfeld, Marvel könnte den Film als Feminismus-Vehikel missbrauchen, so für mich kaum eingetroffen sind. Ich wäre gar nicht auf sie eingegangen, wenn Miss Wiki sie nicht aus weiblicher Sicht angesprochen hätte.

Natürlich ist es irgendwie platt, wenn man einen Mann wiederholt sagen lässt, dass es kein Zufall sein könne, dass das Cockpit eines Flugzeugs COCK-Pit heißt. Und sicherlich lässt sich viel reininterpretieren, wenn Captain Marvel sich im Beisein von Männern kniend von ihren Ketten befreit oder sie erst ihre ganze Macht entfalten kann, wenn sie eine Kontroll-Plakette von ihrem Hals entfernt, die ihr ein Mann angeheftet hatte. Und anstatt den männlichen Bösewicht am Ende des Films einfach mit ihrer überlegenen Stärke fertig zu machen, müsste sie vielleicht auch nicht erst gefühlt zehn Stunden abfällig grinsen und ihm dann noch ins Gesicht schreien, dass sie ihm nichts beweisen muss.

Aber wisst ihr was? Das hat mich alles nicht gestört.

Im Gegenteil, oft war es im Kontext der Szene sogar episch oder witzig und ich musste schmunzeln. Ich glaube, Miss Wiki hat daran größeren Anstoß genommen als ich und ich glaube, ich verstehe warum:

Man kann das Feminismus-Paddel eben auch geschickter schwingen, wie z.B. in Black Panther, Wonder Woman oder Alita, in dem man einfach eine Frau darstellt, die stark ist und stark agiert. Aber wenn eine Superheldin ständig erwähnen muss, dass sie keine Männer braucht und stärker ist als sie, wirkt es schnell künstlich und albern. Und damit verletzen die Filmemacher eine Grundregel des Story Telling, die jungen Autoren immer wieder ans Herz gelegt wird: Show don’t tell („Zeigen, nicht erzählen“). Dieser Spruch beschreibt die erprobte Technik etwas nicht mit Worten zu beschreiben, sondern es z.B. durch eine entsprechende Handlung zu zeigen.

Aber wie gesagt: Daran habe ich trotzdem keinen Anstoß genommen und es ist nicht in meine Wertung eingeflossen. Der Film war einfach zu großen Teilen langatmig, vorhersehbar und hat eine nicht sonderlich sympathische Retterin für Avengers Endgame eingeführt. Ach, Captain Marvel, wärst du doch mehr wie Alita.

Über Thilo (1751 Artikel)
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