Disenchantment: Zwischen Ent- und Verzauberung

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Eine angeheiterte Prinzessin schlägt einem deutschen Kannibalen in Lederhose mit einer Bonbon-Axt die Rübe runter.

Wenn euch bei sowas einer abgeht, warum schaut ihr dann nicht Matt Groenings neue Serie Disenchantment? Ist jetzt schon seit einigen Tagen auf Netflix und lädt mit 10 unterschiedlich langen Folgen zum Bingen ein.

Noch befindet sich Disenchantment in einem mittelalterlichen Korsett

Ich bin mir nicht ganz sicher, wo und wie ich die Güte der Serie einordnen soll. Momentan rangiert die blutige und mittelalterliche Fantasy-Satire Disenchantment bei mir auf Platz 3 hinter Simpsons und Futurama. Sie mit Simpsons zu vergleichen, die ja auch ein paar Staffeln brauchte, um sich selbst zu finden und Kult zu werden (betrachtet man allein, wie krude sie am Anfang noch gezeichnet waren), ist sicher nicht ganz fair. Gerade gegen die genialen Treehouse of Horror-Folgen dürfte es für sämtliche Zeichentrickserien da draußen schwer sein anzustinken.

Doch auch Futurama hat für mich, bisher zumindest, nach Konsum von 10 Folgen Disenchantment, die Raumschiffnase vorne. Was sicherlich zum einen daran liegt, dass die liebgewonnene Crew um Dr. Farnsworth, Fry, Bender, Leela, Amy, Dr. Zoidberg, Hermes und all den anderen Bekloppten schier „unendliche Weiten“ zur Verfügung haben, um Matt Groenings Humor auszuleben. Das mittelalterliche Reich Dreamland, insbesondere seine Hauptstadt mit Burg, hat sich da doch etwas schneller abgenutzt. Außerdem gibt es (noch) deutlich weniger erinnerungswürdige Charaktere als bei den beiden Vorgängerserien, was nach nur einer Staffel aber natürlich auch nicht weiter verwunderlich ist.

Doch egal, ob wir uns als Zuschauer im alltäglichen Wahnsinn der Gegenwart, in verrückten Welten der Zukunft oder im blutigen Mittelalter bewegen, gewisse Charakter-Konzepte von Groening scheinen sich immer wieder zu wiederholen. So komme ich irgendwie nicht umhin im naiven Elfen Elfo Normalo-Loser Fry, in Dämon Luci den „moralisch flexiblen“ Roboter Bender und in Prinzessin Bean die rebellische Zyklopin Leela mit einem Schuss Lisa Simpson zu sehen.

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Hinzu kommt, dass die Qualität der Folgen in Hinsicht auf Humor ziemlich schwankend ist. Während ich bei einer Folge, wie der mit den gestörten, deutschen Versionen von Hänsel und Gretel, viele Male laut auflachen musste, haben mich andere Folgen auch mal maximal amüsiert schmunzeln lassen. Gerade, wenn ich jetzt mit einer haarsträubenden Serie wie Rick and Morty vergleiche, bei der ich mir eigentlich die gesamte Spieldauer beinahe jeder Folge im Strahl in die Hose mache, erscheint Disenchantment dagegen streckenweise beinahe langweilig.

Richtig spannend und auch wieder witziger wurde es die letzten zwei oder drei Folgen, die Story-technisch zusammenhingen und mit einem krassen Cliffhanger endeten. Staffel 2 täte gut daran, dieses zusammenhängende Storytelling beizubehalten, da es (für mich) besser klappt mit diesen Charakteren, die sich teilweise, beinahe Game of Thrones-mäßig, mit Intrigen und Ränkespielen bei Hof auseinandersetzen müssen.

Warum Disenchantment trotzdem mehr Charme besitzt als der Titel suggeriert

Man beachte die Fry-Perücke rechts im Regal… ©Netflix

Es ist fucking Fantasy, Bitches!

Ernsthaft, allein die Tatsache, dass die Handlung fantastische und mittelalterliche Themen beackert, ist für Nerds des Genres, wie mich, bereits ein dicker Pluspunkt. Wenn ich mir überlege, wie ich stets aus dem Häuschen war, wenn es bei den Simpsons eine D&D- oder Mittelalter-Themenfolge gab oder wenn eine Zeitreise im Futurama-Universum Fry und Konsorten in die Gefilde von Rittern, Pest und Teufel verschlug, dann müsste Disenchantment für mich die Offenbarung schlechthin sein.

Und tatsächlich macht die Atmosphäre für mich sehr viel aus. Die stimmige Musik und die immer mal wieder verwendete 3D-Ansicht der Stadt macht zudem unglaublich Lust auf ein Point and Click-Adventure wie The Curse of Monkey Island, das in Dreamland spielt. Bombe, wenn man dann zwischen den drei Hauptcharakteren hin und herschalten und bescheuerte Rätsel lösen könnte.

Apropos Charaktere: Die Auswahl der Hauptcharaktere ist auf jeden Fall gelungen und macht Spaß. Auch wenn Elfo vielleicht etwas das Schlusslicht bildet, so macht Dämon Luci schon mehr Laune – gerade wegen seines, selbst für Groening, ungewöhnlichen Zeichenstils.

Prinzessin Tiabeanie Mariabeanie De La Rochambeaux Drunkowitz, kurz „Bean“, ist definitiv das Spotlight der Serie. Da sie eigentlich ständig in Schwierigkeiten ist, sich wenig prinzessinnenhaft verhält und meistens besoffen ist, kommt sie mit ihrer rebellischen Ader als durchaus starke Frauenrolle rüber. Weniger durch überragende Intelligenz, wie eine Lisa Simpson, dafür mehr durch Selbstbestimmung und das Recht, trotz Kleidchen, wie ein Mann über die Stränge zu schlagen.

Als sie sich einmal, nach einer durchzechten Nacht, besoffen durchs Fenster zieht, lache ich nicht nur, sondern sympathisiere auf einer tief menschlichen Ebene mit ihr:

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Ansonsten bekommt ihr bei Disenchantment den üblichen Groening-Cocktail aus schrägem Humor und Seitenhieben auf Religion, Politik und Zwischenmenschliches. Ich würde sogar sagen, dass bei Disenchantment das Hintergründige den Humor derzeit noch überwiegt.

Also, für Fantasy-Fans, die typische Merkmale des Genres auf die Schippe genommen oder von der Henkersaxt zerteilt sehen wollen, ist Disenchantment Plichtprogramm. Auch wenn der Humor mich noch nicht mit magischer Kraft aus dem Sessel gehoben hat, bin ich guter Dinge, dass Staffel 2 rocken wird.

Über Thilo (1719 Artikel)
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