Sollte ich als Gamer Netflix‘ Highscore sehen?

Highscore © Netflix

Klares, eindeutiges JEIN.

Eigentlich liebe ich ja Netflix-Dokus wie The Toys that made us. Dementsprechend bin ich natürlich auch gleich wie eine hungriger Wolf auf Netflix‘ Highscore gesprungen. Denn die sechsteilige Serie versucht die wichtigsten Stationen und Ereignisse der Videospielgeschichte nachzuzeichnen.

Zunächst waren Videospiele ja nur in Spielhallen, sogenannten „Arcades“, zugänglich. Da durfte ich als Minderjähriger meist noch gar nicht rein, weil sie in Deutschland fast immer mit dem Ü18-Bereich vermischt waren. Dann begann glücklicherweise der Siegeszug der Videospielkonsolen, mit denen wir endlich vor dem heimischen Röhrenfernseher viereckige Augen bekommen konnten. Außer Pong, die ich nur mal bei einem Freund gespielt hatte, besaß ich im Verlauf der Jahre eigentlich jede Spielkonsole. Fast zeitgleich erreichte uns eine Flut von Games für „Brotkasten“ C64, Amiga 500 und schließlich immer leistungsfähiger werdende PCs. Heutzutage können Spiele sogar immer und überall konsumiert werden – egal, ob mobil auf dem Handy oder im Browser als Casual Online Game wie man sie auf Plattformen wie GamePix spielen kann. Der unweigerlich nächste Schritt ist so aufregend, wie verstörend: Wir werden selber Teil der Spiele. Erst über Virtual Reality, später ganz sicher mit irgendeiner Symbiose von Geist und Maschine. Creepy-geil.

Aber wie schafft es Netflix‘ Highscore dieser nostalgischen Reise gerecht zu werden?

Netflix‘ Highscore: Diversity in der Geschichte der Videospiele

Gay Blade. Geiles Game in Folge 3 von Highscore © Netflix

So hätte die Dokumentation ehrlicher Weise heißen müssen.

Dass Netflix Super-Woke ist, dürfte mittlerweile durchgesickert sein.

Dementsprechend ist der Spagat zwischen der Weitergabe wichtiger Infos und der Unterbringung marginalisierter Gruppen in ihrer Doku Highscore der selbst gewählte Stolperstein.

Wenn ich eine Serie über die Geschichte der Videospiele mit einem generischen Namen wie „Highscore“ anschaue, erwarte ich die bekannten Meilensteine und ein paar juicy details, die ich noch nicht wusste.

Wenn mir aber schon nach 9 Minuten der ersten Folge ein Transsexueller Mann präsentiert wird, der in Space Invaders das erste Mal eine Frau sein konnte, frage ich mich schon, ob das „juicy details“ sind…?

Ich meine, hey, wirklich toll, wenn Leute JEDER Lebenslage (politische Verfolgung, Depressionen, Armut, Marginalisierung) Trost in Videospielen finden können – ich könnte selbst auch ein Lied darüber singen – doch wie genau konnte der Junge in einem Spiel mit Pixel-Ufos eine Frau sein? Und was genau hat das mit der Geschichte der Videospiele zu tun?

Später in derselben Folge wird mir ein schwarzer Spieleentwickler präsentiert, der die Spielkonsole Channel F erfunden hat. Leider ist diese nie bekannt geworden, weil sie von Atari „überschrieben“ wurde. Aha. Ich bin mir sicher, dass es noch mehr erfolglose Systeme gegeben hat, die gegen einen Konkurrenten verloren haben, aber natürlich wichtig zu zeigen, dass es auch Schwarze gab, die das Schicksal ereilte…

Genau wie ein Typ, der homosexuell und schwarz ist, und mir erklärt, dass er bei John Madden endlich mal gleichberechtigt sein konnte. Hm?

Also versteht mich nicht falsch. Einige dieser Anekdoten sind wirklich interessant und eben genau die Geschichten, die man noch nicht kannte. Bestes Beispiel für mich in der RPG-Folge: Gay Blade. Ein Spiel aus dem Universum von Dungeons & Drag Queens. Mega geil. Super lustig. Doch dann verliert sich Netflix in Videomaterial über Gay Rights in Amerika, gekrönt von einem animierten Part, der frei erfunden ist (wie die Serie selbst zugibt) und die Narrative nahelegen möchte, dass alle Leute, die Schwule hassen insgeheim selbst Schwule sind. Es ist fast, als wäre Netflix selbst aufgefallen, dass der Beitrag über Gay Blade alleine noch nicht skandalös genug ist…

Diese Wokeness und ihre Breitwalzung geht natürlich unweigerlich auf Kosten von wichtigeren Personen und Ereignissen, die jemand gerne gesehen hätte, der vielleicht nicht in der Zeit aufgewachsen ist.

Ich meine, COME ON! Wenn ich in Folge 3 über die Entstehung der ersten Computerrollenspiele informiert werde und dann lediglich Ultima und Final Fantasy im Mittelpunkt stehen – und GAY BLADE – nun, dann wurden einfach so viele Meilensteine unterschlagen.

Und genau das ist der Grund, warum Highscore mehr was für Hardcore Freaks ist. Mich hat es schon gut unterhalten und es ist wirklich liebevoll gemacht. Aber wer einen ähnlichen Retro-Nerdgasm erwartet, wie bei der Lektüre von Ready Player One, oder einfach nur nach einer umfassenden GESCHICHTE DER VIDEOSPIELE sucht, ist mit so manchem Youtube-Channel deutlich besser beraten.

Natürlich hat Highscore die besseren Interview-Partner. Es ist eine Freude der Sierra-Gründerin Roberta Williams oder Ultima-Legende Richard Garriott zuzuhören. Doch die langatmigen, verwässerten und lückenhaften Segmente sind eben auch am Start.

HIGH SCORE /Netflix (Official Trailer)
Über Thilo (1870 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

2 Kommentare zu Sollte ich als Gamer Netflix‘ Highscore sehen?

  1. Florian Koller // 9. September 2020 um 09:24 // Antworten

    Hey Thilo!

    Dank für die nachvollziehbare Kritik. Hab zu dem Thema einen geilen Blog mit herrlichen Aufnahmen aus den alten Arcades gefunden!
    https://retrobitch.wordpress.com/

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