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Nicht nur für Shooter Fans eine klare Empfehlung: Wolfenstein – The New Order

April 11th, 2014 @ 22:48:23

8 von 10 Robo-Nazies

Das allererste Wolfenstein habe ich nie gespielt. Meine Shooter-Karriere begann irgendwann mit Doom und hörte mit Quake 3 Arena auf. Ich wage es kaum zu tippen, aber das geile Ballern auf Dämonen in 3D war für mich als Amiga 500- und Konsolen-Besitzer damals ein Kulturschock und der einzige Grund mir meinen ersten PC zu kaufen. Irgendwie schafften es damals nur PCs genügend Power für eine 3D-Umgebung in Spielen bereit zu stellen. Doom, Magic Carpet und andere Spiele der „neuen Generation“ zuckelten fortan tapfer auf meinem Pentium 90 vor sich hin. Junge, das waren Zeiten.

Wenn ich sehe, wie sich Computerleistung und Realismus-Grad in Spielen seitdem verändert haben, bekomme ich unwillkürlich einen Hightech-Ständer. Führt euch doch mal den direkten Vergleich vor Augen:

wolfenstein

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Eigentlich hatte ich aber nach einer sehr langen Quake 3 Arena-Karriere irgendwie die Nase voll von Shootern. Besonders alle auf Realismus getrimmten Shooter, die sich von Counterstrike aus weiter verzweigt haben, konnten mich nie hinter dem Ofen hervor locken, ganz gleich wie realistisch ein Call of Duty auch geworden war. Für mich persönlich ist Schießen, um des Schießens Willen langweilig. Zu wenig Atmosphäre.

Und genau das ist auch der Grund, warum ich Wolfenstein – The New Order eine Chance gegeben habe. In Computerspielen mit Nazis wurde in der Vergangenheit meist eine übersinnliche Geschichte mit Fantasy, Horror und/oder Science Fiction Elementen drum herum konstruiert und hat damit auch die Wolfenstein-Reihe aus dem Shooter Einheitsbrei gehoben. So ist es auch im jüngsten Teil mit dem vielsagenden Untertitel „The New Order“. So gewählt, weil das Spiel eine alternative Geschichte zu Grunde legt, nach welcher die Nazis gewonnen und die Weltherrschaft an sich gerissen haben. Die morbide Atmosphäre dieser schrecklichen und düsteren Dystopie hat mich sofort in Ihren Bann gezogen.

Ihr spielt einmal mehr den übercoolen, amerikanischen Supersoldaten Blaskowitz, der mittlerweile vom pixeligen 0815-Sprite zu einem charismatischen Bruce Willis-Typ, komplett mit Vierkantschädel und Dreitagebart, mutiert ist. Es macht von Anfang an Spaß in die Rolle dieses beinharten Veteranen zu schlüpfen, der in seiner besonnenen Todesverachtung so ziemlich alles andere an harten Kerlen in den Schatten stellen dürfte. Erinnert sich noch jemand, als in Payback (der beste Film mit Mel Gibson) die blonde Schnecke zu Porter sagt „Du bist der härteste Mann, den ich kenne“? Nun offensichtlich kannte sie Blaskowitz nicht. Der Typ ist das was rauskommt, wenn man aus dem Genpool aller Actionhelden der Expendables einen einzigen perfekten Kämpfer für die Freiheit züchtet. Das ist so ein Typ, der Rambo zeigt wie man mit richtig großen Wummen umgeht und dessen Schmerztoleranz es ihm erlaubt auch noch weiter zu kriechen, wenn selbst der Terminator schon auf Notstrom läuft.

Dementsprechend martialische Gerätschaften dürft ihr mit dem Vorzeigesoldaten auf die Nazis abfeuern. Und wer Blaskowitz heißt, kann natürlich auch von jeglicher Art Wumme eine in jeder Hand führen. Sowiel Rambo muss schon sein, um die Team America-Fuck Yeah-Ubercoolness der USA darzustellen.

wolfenstein Beton Stadt

Zum Entleeren eurer Magazine werdet ihr dann an grafisch eindrucksvolle und exotische Schauplätze entsandt. Ihr reist zum Nazi-Klatschen beispielsweise zum Meeresboden, klettert durch die wild durcheinander gewürfelten Wagons eines entgleisten Zuges und fliegt natürlich auch, wie es sich gehört, zum Mond und wieder zurück. Denn wie wir ja spätestens nach Iron Sky wissen, haben die Nazis auf der dunklen Seite des Mondes ein paar einsatzbereite Ufos geparkt.

Überhaupt ist Wolfenstein – The New Order so cineastisch aufgemacht, dass es auch Inglorious Basterds 2 sein könnte. Es wird derart viel Wert auf Story und die Beziehungen unter den Charakteren gelegt, dass man schon fast von einem interaktiven Film sprechen könnte. Sehr stimmig ist dabei auch der innere Monolog von Blaskowitz, der mich sehr stark an die Episode mit Bruce Willis in Sin City erinnert hat und manchmal geradezu 1:1 geklaut schien „Jetzt musst Du durchhalten bis sie in Sicherheit ist, alter Mann…“ Aber das soll kein Vorwurf sein. Es passt einfach perfekt zu Atmosphäre des Spiels. Die fast melancholisch-ruhige Stimme von Blaskowitz untermalt stets passend die scheinbare Sinnlosigkeit gegen einen übermächtigen Feind aufzubegehren, der bereits die Welt unterworfen hat.

Ein schöner Kontrast zu den unaussprechlichen Gräueltaten der Nazis ist seine Liebesbeziehung zur Polin Anya. Ihre aufkeimende Liebe wirkt wie eine einzelne Blume in einem Meer von Unkraut, die jederzeit überwuchert werden könnte. Passend also, dass die wenigen Momente der Zweisamkeit erkannt und durch den schnellen Quicki auf der Waschmaschine ausgenutzt werden.

Totenkopf hat sich von sämtlichen "Fesseln der Moral" befreit. Ein Wahnsinniger.

Totenkopf hat sich von sämtlichen „Fesseln der Moral“ befreit. Ein Wahnsinniger.

Apropos Gräueltaten: Das Game ist wirklich nichts für schwache Nerven. Wenn ich einen Minderjährigen davor erwischte, würde ich ihn ohne zu zögern mit einem Sprungtritt vom Monitor entfernen. Das ist eine gnädige Geste gegen die Alpträume, die er von Wolfenstein – The New Order bekommen hätte. Es gibt einige Schockmomente und Szenen expliziter Gewalt, die man in Horrorfilmen wie Hostel auch schon gesehen hat. Gerade General Totenkopf oder die Kommandantin „Engel“ gehen nicht gerade zimperlich mit Gefangenen um. Doch die Ekelszenen tauchen nie um Ihrer selbst Willen auf, sondern sind immer in die Story eingebunden und sorgen für ein intensives Spielerlebnis.

Als Fazit ist zu sagen, dass sich Wolfenstein – The New Order einfach als interaktiver Film lohnt. Als Shooter war das Spiel solide, hat mich aber nicht mit grandiosen Neuerungen vom Hocker gehauen. Ich hätte mir vielleicht etwas mehr Spezialequipment und abgefahrene Nazi-Tech-Waffen gewünscht, aber außer Laser und Railgun gibt es leider nicht viel Neues. Aber vielleicht ist es auch passend so, denn dieser Teil handelt nicht von Okkultismus und Zombies, dafür mehr von Steampunk, Tesla und Roboterhunden. Trotzdem verliert Wolfenstein durch den Shooter-Teil für mich ganze 2 Punkte in der Wertung. Dass das Game es aber trotzdem noch auf 8 von 10 schafft, sollte euch zeigen wie absolut empfehlenswert dieses atmosphärische Spiel dennoch ist.

Über Thilo (1613 Artikel)
Hi, ich bin der Gründer dieses bekloppten Blogs. Außerdem Realitätsflüchter, Romantiker, Rollenspieler, Gamer, Fantasynerd, Kneipenphilosoph und hochstufiger Spinner. Manchmal jogge oder schwimme ich, doch meistens trinke ich Bier.

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